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Zur Geschichte des Bahnhofs in Lennep

Lenneps erster Bahnhof war noch aus Holz.

Von Wilhelm R. Schmidt

Seit geraumer Zeit, verstärkt aber in den letzten Wochen des Jahres 2008, wird in den bergischen Medien die Entwicklung der Versuche beobachtet, Anlage und Gelände des  historischen Lenneper Bahnhofs umzugestalten. Auch das Bahnhofsgebäude selber gehört in diese Planungen, und es wird ein privater Investor für die künftige Nutzung gesucht. Das Aussehen dieses Gebäudes ist sicherlich zurzeit nicht positiv zu beurteilen, zweifelhaft und eher unbedeutsam ist auch die heutige Funktion des erhaltenen Bahnhofsensembles, das allerdings eine respektable Geschichte hinter sich hat. Schließlich waren dieser Bahnhof und die ihn umgebende Anlagen einmal einer der wichtigsten Eisenbahnknotenpunkte im ganzen Bergischen Land bzw. im Kreis Lennep, der bis 1929 bestand.

Fast fünfzig Jahre zuvor, nämlich am 1. September 1868, war die Teilstrecke der Bergisch-Märkischen Eisenbahn von Barmen-Rittershausen über Ronsdorf, Lüttringhausen und Lennep nach Remscheid in Betrieb genommen worden, der erste Bahnhofsbau war durchaus repräsentativ und auf eine durch die positive Wirtschaftsentwicklung zu erwartende Erweiterung angelegt. Schon 1869 wurden in Lennep mehr als 290.000 Fahrgäste gezählt. Der Lenneper Albert Schmidt, der Baumeister der Industriellen in Lennep und an der Wupper, spielte dabei nicht nur eine große Rolle, sondern er ließ sich vom damaligen Bürgermeister Sauerbronn später auch überreden, im Jahre 1890 direkt gegenüber dem Bahnhof das Hotel Kaiserhof auf eigene Kosten zu bauen, es herrschte damals das Wirtschaftwunder, das wir heute im nachhinein „Gründerzeit“ nennen. Manche von uns erinnern sich noch an dieses Hotelgebäude, vom dem, sozusagen ersatzweise, heute nur noch der Portikus steht, in dem später die Sparkasse residierte (und wo der Schreiber dieser Zeilen in den 1950er Jahren am Weltspartag beim Sparkassenleiter Pick den Inhalt seines Sparschweins auf das Sparbuch buchen ließ. Damals gab es noch zehn Prozent Zinsen. Zur Belohnung erhielt man dann Gaben, z.B. einen Schraubendrehersatz, der allerdings der Werkzeugtradition der Region nicht unbedingt Ehre machte).

Der „erste“ Lenneper Bahnhof wurde, oft unter Rückgriff auf die Erinnerungen Albert Schmidts, der die damalige Konstruktion selbst auch in einer Bleistiftzeichnung verewigte, schon oft thematisiert. Weniger bekannt ist, dass über lange Jahre dort der „Restaurateur“ Oskar Groß sein Etablissement betrieb. Er stammte aus einer Lenneper Familie, die über Jahrzehnte vorher die alte Poststation inne hatte, dort, wo die heutige Lüttringhauser Straße von der Knusthöhe abzweigt. Weitere Mitglieder der Familie gingen seinerzeit für das Berliner Handelshaus Hardt & Co., also letztlich für die Lenneper Tuchindustrie, nach Südamerika. Aber nicht nur dort, auch in den Wartesälen des Lenneper Bahnhofsgebäudes ging es seinerzeit „tropisch“ oder „subtropisch“ zu. Den Berichten Albert Schmidts zufolge legte nämlich der Restaurateur Oskar Groß (auch Grohs oder Gross), der das Etablissement seit seiner Fertigstellung mit Geschick bewirtschaftete, besonderen Wert auf die Ausstattung mit zahlreichen seltenen Pflanzen und Gummibäumen. Den hinteren Teil des Wartesaals gestaltete er als Palmengarten.

Bereits um 1900 war die Gesamtanlage des Lenneper Bahnhofs viel zu klein geworden, man versuchte deshalb, das Gelände zu erweitern. Ausdruck dafür war im Jahre 1905 beispielsweise die Versetzung eines ganzen Hauses im Bereich Schlachthof- und Karlstraße. Ohne dass eine Scheibe zu Bruch ging, wurde das Haus auf Stelzen gehoben und 18 Meter verschoben. Von der Gleisseite des Bahnhofs aus sieht man es heute noch stehen. Ob es wohl bei den für die Zukunft geplanten Veränderungen des Areals endgültig weichen muss oder nur nochmals verschoben wird?

Am 8. Juni 1911 veröffentlichte das Lenneper Kreisblatt -  Amtliches Organ auch für die Gemeinde Lüttringhausen“ einen Artikel „Zur Eröffnung des neuen Bahnhofsgebäudes in Lennep. Hierbei ist auffällig, dass der nur teilweise miteinbezogene Vorgängerbau als seinerzeit bewusst intendiertes „Provisorium“ bezeichnet wird. In Tat gleicht er ja auf den wenigen erhaltenen Darstellungen manchmal einer überdimensionierten Bretterbude, da sein Äußeres in Holz gearbeitet war. Darüber kann man nun denken wie man will, richtig ist jedenfalls, dass der „erste“ Lenneper Bahnhof sicherlich unter dem Eindruck einer drängenden Wirtschaftsentwicklung entstand, und dass er später den Repräsentationsansprüchen der Wilhelminischen Epoche um 1910 nicht mehr genügte. Auch entsprach er nicht der zwischenzeitlichen Entwicklung der damaligen Kaiserstraße, der heutigen Bahnhofstraße. Blickte man um die Jahrhundertwende von der Kölner Straße in Richtung Bahnhof, so sah man im mittleren Abschnitt nicht nur das von Albert Schmidt im Jahre 1889 errichtete Rathaus bzw. Amtsgericht, sondern  links an der „düsteren Gasse“ auch das repräsentative Stammhaus der Fabrik für Öfen & Herde Hugo Heuck und die Bergische Licht- und Kraftwerke A.-G. (später RWE), weiter oben links dann auch das bereits erwähnte Hotel Kaiserhof, in dessen Räumen ab 1920 dann der Barmer Bank-Verein oder noch später die Lenneper Sparkasse residierte.

Die Kaiser- bzw. Bahnhofstraße, zunächst als Teillösung zum zügigen Transport der über den Bahnhof gelieferten Materialien gedacht, war zur Zeit der Entstehung des „neuen“ Bahnhofs schon zu einer Prachtstraße geworden, die nicht umsonst namentlich dem Kaiser gewidmet war, sozusagen ein Ensemble mit Identitätspräsentationsfunktion, wie der Mollplatz mit seinem Kaiserdenkmal ein Ausdruck Preußischer Herrlichkeit im Bergischen Land. Zum „neuen“ Lenneper Bahnhof schrieb das  Kreisblatt  im Jahre 1911: „Nun erhebt sich anstelle des alten ein stattliches Empfangsgebäude, wie es der Bedeutung Lenneps als Verkehrsknotenpunkt entspricht. Schon in der Kaiserstraße fesselt das Auge der in schönen architektonischen Formen gehaltene und lebendig gegliederte Neubau“. Der ausführlichen Artikel am Vorabend der offiziellen Bahnhofseinweihung betonte den vornehmen und gediegenen Eindruck und die Verwendung hochwertiger Materialien.

Neben den bahnfunktionalen Einheiten wie Schalterhalle und Gepäckaufgabe enthielt das neue Gebäude u.a. auch zwei unterschiedliche Wartesäle, einen für die 1. und 2. Klasse sowie einen für die 3. und 4. Klasse. Der bessere Wartesaal wartete nicht nur mit einem vornehmeren „Büffett“ auf, sondern führte auch zu einem kleinem „Nichtraucherzimmer“ (heute wäre es vielleicht umgekehrt, und die Raucher bekämen ein geschlossenes „Clubzimmer“). Das Gebäude enthielt zudem Dienstwohnungen, u.a. auch eine für die Familie des Bahnhofsrestaurateurs samt Wirtschaftsräumen. Von dem zur Straße liegenden Wartesaal des langjährigen Restaurateurs Hans Kraemer, seine Witwe führte das Geschäft später fort, ist sogar mindestens eine Postkarte erhalten. Sie zeigt den zum Bahnhofsvorplatz gelegenen Saal mit den großen bleiverglasten Außenfenstern und dem Buffet im Hintergrund, der Palmengarten des Vorgängers Groß wurde allerdings hier auf eine Einzelpalme reduziert. Die rückseitige Inschrift der Postkarte lautet: Bahnhofs-Wirtschaft-Lennep, das gepflegte Haus, Inh.: Hans Kraemer Wwe. Ein Exemplar dieser Karte liegt noch aus dem Jahre 1941 vor, abgestempelt durch die damalige Feldpost.

Entwurf, Planung und interne Bauaufsicht des seinerzeit „neuen“ Lenneper Bahnhofsgebäudes wurden übrigens durch die Eisenbahnbauabteilungen in Elberfeld und Lennep selbst bewerkstelligt, die Bauausführung dagegen wurde weit überwiegend Lenneper Handwerksmeistern übergeben. Dabei tauchen Namen auf, die heutigen Lennepern u.U. noch etwas sagen können, wie die Firma Wender & Dürholt (Schreinerarbeiten), Kuby (Möbelherstellung) oder auch Lohmann (Dachdeckerei). Der Artikel aus dem Jahre 1911 schließt mit dem Hinweis, dass einige Arbeiten noch erst geleistet werden müssen, z.B. die von der Stadt Lennep versprochene Pflasterung vor dem neuen Bahnhofseingang mit dem durch Kupferblech bedeckten halbrunden Vorbau. Die ersten Postkarten des neuen Lenneper Bahnhofsgebäudes zeigen denn auch den Zustand, in dem die Versprechen noch nicht völlig abgearbeitet sind, so sieht man z.B. im Eingangsbereich noch Pflastersteinhaufen, und die Anstreicher gehen im ersten Stockwerk ihrem Handwerk nach.

Die einstige Bahnhofsgaststätte ähnelte einem Palmengarten.Fotografien vom „neuen“ Lenneper Bahnhof gibt es, über die Jahrzehnte verstreut, viele. Die oft nur sehr äußerliche Veränderung richtet sich dabei nach dem Geschmack der jeweiligen Zeit, manchmal aber gelingt eine Datierung auch nur über die mit abgebildeten, inzwischen „historischen“ Fahrzeugtypen, die vor den Gebäude abgestellt sind. Eine einschneidende Veränderung erfuhr das Bauwerk 1945 durch das alliierte Bombardement, wodurch es insgesamt schwer beschädigt wurde. Der nach Norden liegende letzte Flügel wurde später nicht wieder aufgebaut. Auch hier könnte natürlich noch so manche Geschichte erzählt werden, etwa vom Kohlenklau in den 1940er Jahren, wo die heute mehr als siebzigjährigen „Pimpfe“, oft auch unterstützt durch ihre auf sich gestellten Mütter, in der Dämmerung verbotenerweise die Kohlewaggons plünderten und die herab fallenden Stücke hastig in die mitgebrachten Säcke stopften. Nach dem Motto Not kennt kein Gebot drückten damals die selbst bedürftigen (Hilfs-)Beamten der Eisenbahn und Polizei so manches Auge zu.

Es wäre schön, wenn die Vergangenheit des Bahnhofs von Lennep bei den anstehenden baulichen Veränderungen nicht nur für praktizierende Historiker zugänglich bliebe. Vielleicht gibt es ja bei der weiteren Verwendung Möglichkeiten, sich der durchaus honorigen Vergangenheit zu erinnern.

Apropos Erinnerung: nach den Erinnerungen von Albert Schmidt pflegte der seinerzeit alte Windgassen, also der Vater des späteren „Kapitäns“ und weiterer Mitglieder der Familie, deren einer es zum Opernsänger und ein anderer zum Kammersänger brachte, zur Jahreswende just von oberhalb des Lenneper Bahnhofs, der Karlshöhe nämlich, mit der Trompete zu blasen: „Das alte Jahr vergangen ist…“. 

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