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Wohlfahrtseinrichtungen in der „Kammgarn“ einst Vorbild

von Wilhelm R. Schmidt

Bei der Durchsicht der Eintragungen für neu in die Bibliothek gekommene Bücher stieß ich dieser Tage in Frankfurt auf ein Buch, dass bereits ca.110 Jahre alt ist. Der Titel lautet: Die Wohlfahrtseinrichtungen für Arbeiter und Beamte der Firma Johann Wülfing & Sohn, hrsg. von der Betriebsabteilung der Kammgarn-Spinnerei zu Lennep“. Zwar kannte ich dieses Werk „theoretisch“, aber ich hatte es niemals im Original selbst in der Hand gehabt. Es ist im deutschen Bibliothekswesen sonst nur im Bestand des Deutschen Museums in München nachgewiesen.

Auf 100 Seiten werden drain die Wohlfahrtsanlagen der damaligen Lenneper Spinnerei beschrieben: von den Arbeiterwohnungen über die hauseigene Krankenkasse, die Bibliothek und Kleinkinderschule bis hin zum Männerheim, dem Mädchenheim und zur freiwilligen Feuerwehr. Es handelt sich um eine rein sachliche Beschreibung in 20 Kapiteln und sechs Übersichtstafeln zur Lage des Gesamtareals und der Architektur einzelner Gebäude, z.B. der Arbeiterwohnhäuser, die ja auch nach dem Niedergang der Firma heute noch bestehen, wenn auch z.T. in sehr verwandelter Form. Es enthält auch Hinweise zur „Beköstigung“ im Mädchenheim. Morgens gab es „ein halbes Loth Kaffee“ und vier Butterbrote, zum Mittagessen Fleisch, Gemüse und Kartoffeln, zur „Vesper“ wieder Kaffee und Brote und abends „Suppe, Kartoffeln usw.“ Das „usw.“ wird dabei nicht weiter erklärt.

Man muss aus heutiger Sicht insgesamt sagen, dass die Fabrik- und Wohnanlagen der Hardt-Firmen in Lennep und an der Wupper technisch seinerzeit auf dem neuesten Stand waren. Ebenso die Sozialmaßnahmen. Das betrifft nicht nur die einzelnen sanitären Anlagen, die Kinderheime und Sparkassen für die Arbeitnehmer, sondern die Gesamtanlagen. Z.B. wurde Ende der 1880iger Jahre durch den Hausbaumeister der Hardts, den Lenneper Architekten Albert Schmidt, nicht nur die eigentliche „Kammgarn“, wie die Lenneper sagen, gestaltet, sondern auch die gesamte Umgebung. Beispielsweise wurden Wasserreservoire und ein Wald angelegt, der den Nordwind abhalten und Sauerstoff spenden sollte. Arnold Hardt hat dann am Westerholt die Waldanlagen immer größer und schöner ausgebaut und sie der Lenneper Bevölkerung zur Verfügung gestellt. Er selbst baute sich dort ein Landhaus mit zwanzig Schweizer Kühen, die in einem feinen Stall untergebracht waren. Wenn man ihn in seinem Waldhaus besuchte, so sagte er, was wollen Sie trinken: „Champagner, Cognac oder Milch, mich kostet es alles gleichviel?“ Die neuen Häuser für die sog. Beamten, dies waren in heutiger Sprechweise die leitenden Angestellten, waren auf dem Gelände der Kammgarnspinnerei so zeitgemäß bequem ausgestaltet, dass dem Hörensagen nach der Seniorchef der Firma, Albert Hardt, empört rief: „Die haben ja schönere Häuser als wir selbst“. Das war wohl übertrieben, angesichts der großartigen Fabrikantenvillen in Lennep, es wirft aber doch ein Licht auf die Qualität der damaligen Neubauten in der Kammgarn.

Das durchaus seltene Buch gelangte in Frankfurt aus einem heute nicht mehr existierenden „sozialen Museum“ über das „Institut für Wirtschaftswissenschaft“ in die heutige Universitätsbibliothek, und es enthält von den Vorbesitzern auch einige handschriftliche Zusatzbemerkungen. Danach wurde die betriebseigene Haushaltungsschule der „Kammgarn“ wieder aufgelöst, weil sie bei den Arbeiterfrauen „zu wenig Interesse fand, während die in der Stadt bestehende Abendschule gut besucht“ gewesen sei. Die Originale der Bildtafeln des Buches befinden sich übrigens zum Teil im Lenneper Tuchmuseum, hinten links im letzten Zimmer. An der Wand präsentiert kann man auch die aufwendige Ausführung der damaligen Pläne bewundern. Sie wirken heute fast wie Kunstwerke. Vielleicht gehen Sie mal wieder hin ins Tuchmuseum, oder auch ins Wülfingmuseum in Dahlerau, es lohnt sich in jedem Fall, selbst wenn Sie schon mal da waren.

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