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Über „Driethüsken“ fanden Bergische in Russland zueinander

Das Wohnhaus der Seiler-Familie Neuhaus an der Schwelmer Straße.Rechts im Vordergrund das Dach der Seilerei Neuhaus.Von Dr. Wilhelm R. Schmidt

Es mag ungefähr 20 Jahre her sein, da wandte sich eine freundliche, schon betagte Dame an mich, um das Motiv eines alten Fotos zu bestimmen, das einen Lenneper Gesangsverein auf Reisen zeigt. Obwohl viele Lenneper deutlich abgebildet waren, gelang es nicht, den Ort jenes Treffens auszumachen. Bei den Gesprächen im Tuchmuseum und in der Wohnung der Lenneperin (inzwischen verstorben) kamen jedoch hochinteressante weitere Fotos zum Vorschein. Sie stammte aus der Familie Neuhaus, die an der Ecke Schwelmer- und Schillerstraße in Lennep über lange Zeit eine Seilerei betrieb.

Nach den familiären Recherchen war der Urahn Franz Neuhaus um 1800 nach Lennep gekommen. Dort heiratete er Anna Westen vom Hohenhagen. Franz Neuhaus war von Beruf  Postillion, er starb 1842. Von seinen Nachkommen, die dann die Seilerei betrieben, gibt es noch Fotos. Insbesondere vom Großvater der besagten Dame, der in einem Lenneper Schützenverein „Schützenkaiser“ wurde. Ungefähr aus der Zeit um 1900 stammt eine Ablichtung des Lenneper Damenkränzchens „Maiblume“ (links im Bild) mit Angehörigen der Familien Neuhaus (Seilerei), Gross (Bahnhofsrestaurant), Windgassen (Gaststätte am Kölner Tor) und Vollmer (Bäckerei). Das Kränzchen hieß „Maiblume“, weil alle vier Damen im Mai Geburtstag hatten.

Seniorchef Heinrich Wilhelm NeuhausZum 70. Geschäftsjubiläum der Seilerei im Jahre 1928 präsentierte der damalige Seniorchef Heinrich Wilhelm Neuhaus (Foto rechts) eine seltene Rarität, eine Erstausgabe des Lenneper Kreisblatts aus dem Jahre 1830. Rechnet man die genannten 70 Jahre zurück, so kommt man auf das Jahr 1858, in dem die Seilerei an der Schwelmer Straße gegründet wurde, im Eigentum der Familie war sie in jedem Fall ab 1860. Übrigens: Ein Seil ist lexikalisch ausgedrückt „ein aus zusammen gedrehten Fasern oder Drähten bestehendes längliches, biegeschlaffes, elastisches Element zur Übertragung von Zugkräften“ und wurde früher per Handwickelmaschine hergestellt.

Von dem schon im 19. Jahrhundert schon früh bestehenden Wohnhaus der Familie Neuhaus an der Schwelmer Straße gibt es zahlreiche historische Fotos, auf denen neben einzelnen Personen und mannigfaltigen Seilen oft auch der Weg „Zum Schützenfeld“ gut zu erkennen ist; Haus und Weg gibt es ja heute noch. Unter den historischen Fotos befinden sich aber auch wirkliche Raritäten. Wer weiß denn noch, wie eine Seilerei einstmals gearbeitet hat und wie sie ausgesehen hat?

Die ‚Reeperbahn’, auf der die Seile gedreht wurden, schützte ein Langschuppen vor dem bergischen Wetter.Zum Drehen oder „Schlagen“ der Seile brauchte man recht viel Platz, eine ziemlich lange „Bahn“, die uns heute am ehesten durch den Begriff „Reeperbahn“ überliefert ist, wo Reeps, Taue und Seile für die Schifffahrt produziert wurden. Von der „Bahn“ an der Schwelmer Straße, die gegen das bergische Wetter durch einen Langschuppen geschützt und mit zahlreichen Lüftungsklappen versehen war, gibt es noch bisher unveröffentlichte Fotografien, die u.a. aus den oberen Geschossen des Neuhausschen Hauses gemacht wurden, so dass man die Schwelmer Straße hinunter nicht nur auf den Langschuppen, sondern darüber hinaus auf die damalige Maschinenfabrik Friedrich Haas und sogar die beiden Lenneper Kirchen blickt. Andere Aufnahmen zeigen das Anwesen umgekehrt von der Maschinenfabrik Haas her. Bei dieser Sicht fällt auf, dass die heutige Schillerstraße fehlt. Der historische Langschuppen ging damals über sie hinweg - weil es sie noch gar nicht gab. Sie entwickelte sich nach und nach von der Knusthöhe her und mündete nach den Erinnerungen der Familie erst 1909 in die Schwelmer Straße.

Im Jahre 1903 gab es übrigens noch eine zweite Seilerei in Lennep, im Zeitalter der fortgeschrittenen Industrialisierung lohnten sich aber derartige Handwerksbetriebe kaum noch, so dass man sich anderen Berufen zuwandte. Immerhin ist im Remscheider Adressbuch von 1984 für die Schwelmer Straße 38 noch ein Neuhaus mit dem Zusatz „Seilereiwaren“ verzeichnet.

In dem spitzen Winkel der damals noch nicht existenten Albert-Schmidt-Allee und der Schwelmer Straße lag ganz früher die sog. Alte Windmühle, also gar nicht weit vom Anwesen der Seilerei entfernt. Irgendwo zwischen der Seilerei und der Windmühle befand sich schon früh, ggf. schon seit der Gründung der städtischen Windmühle im Jahre 1551, ein Driethüsken, also eine zeitgenössische Sanitäranlage, zu deren Benutzern auch die Windmüllerfamilie gehört haben soll. Dieses Driethüsken überdauerte dem Vernehmen nach die Zeiten und wurde im Jahre 1919 in den Garten der Familie Neuhaus versetzt, um zunächst als Hundehütte zu dienen. Später wurde es als Spielhäuschen für die Kinder und als Geräteschuppen „zweckentfremdet“, wie die alte Dame aufgeschrieben hat.

„Driethüsken“ war damals ein Erkennungswort für die Remscheider, die in der Welt umherreisten. So wird berichtet, dass einst ein Remscheider Kaufmann zu einem Festessen ins russische Petersburg kam. An der langen Festtafel waren Kaufleute aus aller Herren Länder vertreten, in allen Sprachen wurde lebhaft geredet und gestikuliert. Dolmetscher halfen, so gut sie konnten. Der Remscheider Vertreter wollte schließlich einmal feststellen, ob außer ihm noch andere Kaufleute aus dem Bergischen Land anwesend waren. So rief er mit halblauter Stimme über den Tisch: „Kennt hie ömmes van önk en Driethüsken?!“ (Kennt hier einer von Euch ein Driethüsken?) Und siehe da! Sogleich erhob sich am anderen Ende der Tafel eine große kräftige Gestalt und antwortete in bestem Platt: „O Donnerkiel! Driethüsken? Geweß dat! Dann böß du secher van Remsched!“ Es war ein Cronenberger Schraubenfabrikant – artverwandt. So hatten sich die Bergischen gefunden..

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