Skip to content

GGS Goldenberg: „Jetzt kaufe ich mir keine Puppe mehr!“

Das sah Peter Maar (gestreifter Pullover), der Vorsitzende des Heimatbundes Lüttringhausen, mit Wohlgefallen: Jürgen Gottmann las aus dem Lüttringhauser Anzeiger. Foto: Lothar Kaiser

Die Stühle reichten nicht; wer später kam, musste stehen bleiben. Mit so vielen Eltern hatten Jürgen Gottmann, Leiter der Grundschule Goldenberg, und sein Lehrerkollegium bei der Einladung zu einem „Dialog mit den politisch Verantwortlichen“ über das Sparpaket der Oberbürgermeisterin nicht gerechnet. Der sollte eigentlich gestern um 17.30 Uhr im Klassenzimmer von „1b“ beginnen. Doch daraus wurde so kurzfristig der größere Saal der nahen Gaststätte „Haus Goldenberg“, dass die Ortsänderung nicht mehr alle eingeladenen Vertreter/innen der sechs Ratsfraktionen erreichte; sie stießen erst später hinzu. Für den regen Zulauf hatte wohl auch der Text der Einladung gesorgt: „ Die Schule Goldenberg steht entsprechend … im Jahre 2012 zur Schließung und zum Verkauf an. Das Sparpaket hat auch in unserer Schulgemeinde hohe Wellen geschlagen“.

„Kommunalpolitiker haben in einer solchen Situation keinen leichten Job“, stellte Jürgen Gottmann fest, nachdem Jutta Velte (Grüne), Susanne Pütz (CDU), Illona Kunze-Sill (SPD), der Schulausschussvorsitzende Hans Peter Meinecke (SPD), Benjamin Becker (FDP) sowie Brigitte Neff-Wetzel und Axel Behrend von den Linken neben ihm Platz genommen hatten - hinter sich Plakate wie „Unsere Schule soll leben“, „Goldenberg ist goldig“, „Unser Traum: GGS Goldenberg“ und „Goldenberg ist Gold wert“. Doch was der SPD-Fraktionsvorsitzende Meinecke den rund 60 erschienen Vätern und Müttern von Grundschülern zu sagen hatte, wollten diese nicht unbedingt hören: „Remscheid hat fast 600 Millionen Euro Schulden. Ich fürchte, da werden wir nicht alles erhalten können, was man sich so wünscht!“ Doch einen wichtigen Funken Hoffnung ließ Meinecke Lehrern wie Eltern: „Jede Schule, die überflüssig ist, wird ordnungsgemäß auslaufen!“ Das hatte tags zuvor schon Stadtdirektor Burkhard Mast-Weist bezogen auf die Schule Struck gesagt. Wer dort im Sommer eingeschult werde, könne sicher sein, dort auch vier Schuljahre zu verbringen. Das hörte Schulleiter Gottmann gerne: „Kinder sind schließlich keine Spielpuppen, die man nach Belieben in freie Schulklassen schieben kann!“

Doch den Eltern reichten die Erklärungen der Politiker nicht. Sie hätten lieber ein entschiedenes Ja zum Fortbestand ihrer der Schule gehört. Da wurden die Zwischenrufe dann drängender, wenngleich Jürgen Gottmann die Kommunalpolitiker zuvor „nicht als Gegner, sondern als Partner“ vorgestellt hatte. Dass sich Benjamin Becker wortgewaltig, aber vergeblich aus dieser misslichen Lage herauszureden suchte, verfolgten die übrigen Kommunalpolitiker geraume Zeit stumm, bis dann der „alte Politihase“ Meinecke dem „jungen Spund“ Becker endlich zur Seite sprang. „Wir können heute nicht mehr sagen als das: Die Meinung der Bürger wird in die Willensbildung der Fraktionen einfließen!“ Und noch ein Zugeständnis: „Ich sehe die Zukunft einiger Grundschulen in Schulverbünden. Da aber geht dann kein Weg dran vorbei!“

Begonnen hatte der „Dialog“ mit einem Kurzporträt der Grundschule durch ihren Leiter:

1854 sei der jetzige Schulbau erbaut worden, doch die Schule reiche zurück bis ins 18. Jahrhundert. Derzeit beherberge sie sechs Klassen (zwei nach Montessori) mit insgesamt 153 Jungen und Mädchen. Macht pro Klasse durchschnittlich 25,5 Schüler/innen, 1,5 mehr als der landesweite Klassenrichtwert. In vier Gruppen nehmen 92 Kinder nachmittags das Angebot der OGGS wahr. 60 Prozent aller Schüler/innen wohnen im (ehemaligen) Schulbezirk Goldenberg, 40 Prozent kommen aus anderen Städteteilen, zumeist Stadtmitte und Süd, am wenigsten Lüttringhausen. Dass die Schule Goldenberg seit fünfzehn Jahren konstante Schülerzahlen habe und auch zum nächsten Schuljahr ebenso viele neue Schüler erwartet würden, wie in weiterführende Schüler wechselten, war der eine Punkt, den Jürgen Gottmann den Kommunalpolitikern für ihre künftigen Beratungen zu bedenken gab. Vor allem aber: „Es ist nicht alles richtig, was aus dem ‚Sparbüro’ der Verwaltung kommt. Unsere Schule ist mitnichten eine der kleinsten der Stadt. Da gibt es andere, die nur zwischen 120 und 140 Schüler/innen haben!“ Da fragte sich denn Susanne Pütz (CDU), wie die Schule überhaupt in das Sparpaket der Oberbürgermeisterin gekommen sei. Hans Peter Meinecke hatte die Erklärung: „Die örtliche Schulpolitik muss für möglichst gleich große Klassen sorgen“. Mit anderen Worten: Für die gerechte Auslastung der von der Landesregierung bereitgestellten Lehrer/innen. (Auf deren Zuständigkeiten hatte am Mittwoch bereits der Stadtdirektor aufmerksam gemacht.)

Prompt kam der erhoffte Erlös aus dem Verkauf des Schulgeländes zur Sprache. Dass damit nicht die in der „Giftliste“ der Verwaltung genannten 535.000 Euro gemeint seien – Velte: „Das ist nur der nach neuen Haushaltsrecht NKF geforderte Wiederbeschaffungswert.“ – löste unter den Zuhörer/innen Gelächter aus. In der Tat: Was soll eine solche Summe im Zusammenhang mit Verkaufsabsichten? Wer kauft überhaupt ein unter Denkmalschutz stehendes Schulgebäude, wenn er zwei Klassenpavillons nebenan für geschätzte 100.000 Euro entsorgen müsste?

Es waren nicht die einzigen Ungereichtheiten, die die engagierten Eltern in den Sparplänen des Veraltungsvorstandes entdeckten, bezogen auf ihre geliebte Grundschule, deren Qualitäten sie gestern mehrfach betonten. Gewiss, zwei größeren „Nachbarschulen“, die GGS Eisernstein und die Kath. Grundschule Lüttringhausen, haben sehr wohl noch Aufnahmekapazitäten. Das nahmen die Eltern gelassen zur Kenntnis. Doch ergeben sich daraus bei Aufgabe der Grundschule Goldenberg tatsächlich für die Stadt Remscheid nennenswerte Einsparmöglichkeiten? Wolfgang Heinemann, der Vorsitzende des Schulvereins, hatte da starke Zweifel: „Bestenfalls kann eine ¾-Hausmeisterstelle eingespart werden!“ Denn Unterhaltskosten fielen auch an einer anderen Schule an. Und die Kosten des Schülertransports seien auch nicht zu vernachlässigen.

Diskutiert wurde schließlich auch das „bürgerschaftliche Engagement“. Da hatten die Eltern einiges zu berichten – von selbst gestrichenen Klassenzimmern und Müllsammelaktionen in der Umgebung. Anknüpfend an den Sparvorschlag von Gerda Spaan vom Vortag meinte Schulleiter Jürgen Gottmann: „Der Schulverein übernimmt jetzt schon so manche (finanziellen) Pflichten des Schulträgers. Da werden wir wohl auch noch Blumen Pflanzen und Sträucher beschneiden können. Aber: Lasst uns unsere Schule!“

Und was kommt von der Sparidee des Verwaltungsvorstandes bei den Schülerinnen und Schülern der Grundschule Goldenberg an. Am Rande des gestrigen Dialogs“ erzählte eine Mutter folgendes: „Mein Kind kam eines Tages weinend nach Hause. `Mutti, wir müssen jetzt sparen, weil man sonst unsere Schule schließt. Das möchte ich nicht. Ich will da bleiben. Jetzt spare ich und kaufe mir keine Puppe mehr!“

Trackbacks

Waterbölles am : Bürgerforum: Wenig Neues im zweiten Akt

Vorschau anzeigen
„Wer kommt aus Remscheid?“, fragte Moderator Horst Kläuser. Da gingen viele Arme in die Höhe. „Und wer mag unsere Stadt?“ Da senkten sich dann einige wieder, andere kamen hinzu. „Das hätte eigentlich übereinstimmen sollen!“ Mit diesem Stimmungstest bega

Waterbölles am : Durch neue Schulverbünde bleiben alte Standorte erhalten

Vorschau anzeigen
Aus sechs werden drei: Zum Schuljahr 2011/2012 sollen die Gemeinschaftsschulen „Adolf Clarenbach“ und Goldenberg, „Dörpfeld“ und Struck sowie die Katholischen Grundschulen Menninghausen und „Julius Spriestersbach“ zu Grundschulverbänden zusammengeschlosse

Kommentare

Ansicht der Kommentare: Linear | Verschachtelt

Peter Maar am :

Der gestrige "Dialog mit den politisch Verantwortlichen" über die von der Verwaltung vorgeschlagene Schließung der Grundschule Goldenberg machte erneut deutlich, wie wenig professionell der von der Verwaltungsspitze und der sie tragenden politischen Mehrheit gewünschte Bürgerdialog über den Maßnahmenkatalog zur Sanierung der städtischen Finanzen auf den Weg gebracht worden ist. Da werden im großem Stil Maßnahmen aufgelistet, ohne diese auch nur ansatzweise näher zu begründen oder gar mit nachweisbaren Fakten zu unterlegen. Das ganze geht sogar soweit, indem dieser Maßnahmenkatalog eine Fülle von Vorschlägen enthält, bei denen sich die Verwaltung selber noch nicht im Klaren darüber ist, ob diese überhaupt umsetzbar sind. Bis zum 31.3.2010 will sie diese Fälle überprüft haben, aber die Bürger sollen jetzt schon darüber diskutieren. Die berechtigte Frage, wieso ausgerechnet eine bestens funktionierende und äusserst beliebte Schule wie die Grundschule Goldenberg mit seit langer Zeit konstanten Schülerzahlen auf der Streichliste auftaucht, konnte gestern folglich auch keiner der anwesenden kommunalen Schulpolitiker beantworten. Das Gegenteil war der Fall: Erste Absetzbewegungen von den Überlegungen der Verwaltung wurden erkennbar. So werden dank fehlender, auf den Einzelfall bezogener Begründungen offensichtlich ganze "Völkerscharen" unsinnig in Aufruhr versetzt. Von der Verwaltung hätte man erwarten können, dass sie zumindest bei den Vorschlägen, bei denen eine engagierte und auch emotionale Reaktion der Bürgerschaft zu erwarten war, fundierte Begründungen vorgelegt hätte.

Heinz Majewski am :

Wenn Eltern die beabsichtigte Schließung einer Schule, die ihre Kinder *momentan* besuchen, nicht einfach hinnehmen, sondern für den Erhalt kämpfen, ist das verständlich und nachvollziehbar. Für weniger geeignet halte ich es, wenn Kinder von ihren Eltern (oder auch Lehrern) instrumentalisiert werden, um durch ihre demonstrative Anwesenheit in Diskussionsrunden oder in Sitzungen politischer Gremien dem Protest der Erwachsenen emotionalen Nachdruck zu verleihen; für eine sachgerechte Auseinandersetzung ist das eher hinderlich und hinterlässt leicht einen unangenehmen Beigeschmack. Weil die Reduzierung des Grundschulangebots zeitgleich mit den allgemeinen Einsparungsbemühungen im städtischen Haushalt diskutiert wird, übersieht man leicht, dass hinsichtlich der rückläufigen Entwicklung der Anmeldezahlen auch ohne die Finanzmisere Handlungsbedarf im Schulbereich bestanden hätte. Alles zu lassen, wie es ist, kann deshalb keine sinnvolle Alternative zu einer Neuordnung der Grundschullandschaft sein. Wer nicht rechtzeitig handelt, wird behandelt. Auch wenn die vorgesehene Schließung der GGS Struck und Goldenberg gegenwärtig die Diskussion bestimmt, muss über das Tagesgeschehen hinaus das Schicksal *weiterer* Schulen in den Blick genommen werden, z. B. wie man durch Schaffung neuer Schulverbünde ökonomische aber auch pädagogisch sinnvolle Synergieeffekte erzielen kann. (Mit Blick auf die langfristige Schülerentwicklung und die Haushaltszahlen bleibt den zuständigen politischen Organen und der Verwaltung auch kaum eine keine andere Wahl.) Sobald die Existenz einer Grundschule auf dem Spiel steht, verweisen die Befürworter eines Erhalts regelmäßig auf die gute Arbeit der betreffenden Schule, die mit der Schließung verloren ginge. Heute kann sich aber aufgrund übergeordneter Qualitätsstandards *keine* Schule einen schlechten Ruf leisten – sie wird schon aus reinem Selbsterhaltungstrieb an ihrem Image arbeiten. Das besondere Ansehen mancher Schule hat oft mehr mit Mythos als mit Realität zu tun. Was die Sympathie der Grundschüler und ihrer Eltern zu "ihrer" Schule betrifft, besteht diese enge Bindung maximal vier Jahre; spätestens nach Übergang in die Sekundarstufe I lässt das Engagement für die einst so gelobte Grundschule deutlich nach. Das ist ganz natürlich, relativiert aber auch die Dramatik einer Schulschließung, zumal die betroffenen Schüler ohnehin die gesamte Grundschulzeit in ihrer Schule verbringen können. Politik und Verwaltung haben, wie nachzulesen ist, schon mehrfach darauf hingewiesen. Proteste sind in einer funktionierenden Demokratie legitim und oft auch notwendig - sie sollten allerdings weniger emotional gesteuert sein.

Chronist am :

GGS Goldenberg / Bildung eines Schulverbundes: Im vorliegenden Prognosezeitraum bis zum Schuljahr 2019/2020 stünden an der GGS Eisernstein, bei Ausschöpfung des Klassenhöchstwertes von 30 Kindern, lediglich 40 Prozent an Schulplätzen zur Verfügung, um alle Kinder aus dem direkten Umfeld der GGS Goldenberg aufnehmen zu können. Die nahe gelegene GGS Siepen verfügt nur über eine sehr geringe zusätzliche Aufnahmekapazität. Familien müssten sich dann zu weiter entfernt gelegenen Grundschulen orientieren, wobei sich Ansprüche auf Schülerbeförderungskosten ergeben könnten. Hinzu käme, dass aufgrund der bereits jetzt ausgeschöpften Kapazitäten an den anderen Grundschulen, keine ausreichenden Betreuungsplätze in der OGGS vorhanden sind. Die aktuelle Betreuungsquote an der GGS Goldenberg liegt bei 60 Prozent aller Schülerinnen und Schüler der Schule. Die GGS Goldenberg verfügt über ein stark nachgefragtes Montessoriangebot (kein Pflichtangebot). Dieses Angebot kann von den bisher an anderen Grundschulen bestehenden Montessoriangeboten (GGS Siepen, GGS Hackenberg) kapazitätsmäßig nicht aufgefangen werden. Die aus Bundesmitteln finanzierten Ausstattungs- und Einrichtungsgegenstände für die OGGS sind zweckentsprechend an anderer Stelle zu verwenden (Baumaßnahmen sind nicht erfolgt). Die Schließung des Schulstandortes Goldenberg hätte die Abmietung der von der Schule genutzten Vereinsräumlichkeiten (Turnhalle/Klassenraum) zur Folge. Ob der Verein die durch die Vermietung entfallenden Einnahmen kompensieren kann, müsste geprüft werden, ist aber doch sehr fraglich. Anstelle einer Schließung des Schulstandortes soll ein Schulverbund mit einer der benachbarten Grundschulen ab dem Schuljahr 2011/2012 gebildet werden, um die Standortfrage anhand des Elternwahlverhaltens und der Entwicklung der Schülerzahlen später erneut zu betrachten. (aus dem heute vorgelegten Maßnahmenkatalog der Verwaltung)

Kommentar schreiben

Die angegebene E-Mail-Adresse wird nicht dargestellt, sondern nur für eventuelle Benachrichtigungen verwendet.

Um maschinelle und automatische Übertragung von Spamkommentaren zu verhindern, bitte die Zeichenfolge im dargestellten Bild in der Eingabemaske eintragen. Nur wenn die Zeichenfolge richtig eingegeben wurde, kann der Kommentar angenommen werden. Bitte beachten Sie, dass Ihr Browser Cookies unterstützen muss, um dieses Verfahren anzuwenden.
CAPTCHA

Standard-Text Smilies wie :-) und ;-) werden zu Bildern konvertiert.
Formular-Optionen

Die einzelnen Beiträge im "Waterbölles" geben allein die Meinung des Autors / der Autorin wieder. Enthalten eingeschickte Texte verleumderische, diskriminierende oder rassistische Äußerungen oder Werbung oder verstoßen sie gegen das Urheberrecht oder gegen andere rechtliche Bestimmungen oder sind sie nicht namentlich gekennzeichnet nebst E-Mail-Adresse, werden sie nicht veröffentlicht. Das gilt auch für substanzlose Bemerkungen ("Find ich gut/schlecht/blöd...etc."). Aus den oben genannten juristischen Gründen sowie bei längeren Texten sind auch Kürzungen nicht ausgeschlossen.

Kommentare werden erst nach redaktioneller Prüfung freigeschaltet!