Skip to content

Wandern die Bürger ab, wenn Remscheid unattraktiv wird?

Hans Gerd Goebert

Von Hans Gerd Göbert

Die Frage stellen sich viele Bürger, darunter immer mehr junge Menschen. In der Theorie bilden sich quasi Flüchtlingstrecks, die Remscheid verlassen, wenn z.B. die Grundschulen Struck und Goldenberg, das Freibad Eschbachtal, das Stadion Lennep und das Tierheim geschlossen oder keine zusätzlichen Diskotheken eröffnet würden. Nicht neu ist dabei, dass jeder nur  seinen Interessensbereich gewahrt sehen möchte. Die anderen Bereiche, die das Leben in einer Stadt  interessant und lebenswert machen, purzeln bei dieser Betrachtungsweise von der Karre runter. Es ist irgendwie symptomatisch, dass die Eltern aus den Kreisen, deren Kinder und Jugendliche Musik lernen, weiterführende Schulen besuchen oder das nötige Kleingeld haben, ein H2O zu besuchen, in den Foren z.B. kein Wort über das von Schließung bedrohte Freibad Eschbachtal oder gar das Tierheim verloren haben. Dafür aber umso vehementer das Verlassen der Stadt ankündigen, von Geisterstadt reden und bereits jetzt in ganzen Stadtteilen wie Honsberg Ghettos sehen.

Dass junge Leute ihre Stadt verlassen, um anderswo ihr Brot zu verdienen und Karriere zu machen, ist nicht neu und  keine Remscheider Erfindung. Viele  Völkerwanderungen hatten darin ihren Ursprung. Es sei u.a. an die Hessen erinnert, die vor etwa 100 bis 200  Jahren ins Bergische Land einwanderten und zu Gründungsvätern und -müttern vieler Remscheider Familien wurden. Erinnert sei auch an die Tausenden von Migranten, die heute in der Stadt leben. Auch viele Kriegs- und Wirtschaftsflüchtlinge aus Afrika und Asien sind nach Remscheid gekommen, um hier Arbeit und eine neue Heimat zu finden. Last but not least  möchte ich die ca. drei Millionen vornehmlich jungen Menschen nennen, die nach 1989 ihre Heimat in den neuen Bundesländern verlassen haben, weil sie dort keine Perspektive mehr sahen.  Bei allem Respekt, ich kann mir nicht vorstellen, dass diese Neubürger  Remscheid sofort wieder verlassen werden, wenn die Jugendmusikschule teilprivatisiert oder geschlossen würde.

Keine Frage, es wird Menschen geben, die Remscheid verlassen, wenn die Stadt aus ihrer sehr persönlichen Sicht nicht mehr attraktiv erscheint. Aber auch das hat es immer schon gegeben. Es hat allerdings auch schon unzählige Ankündigungen gegeben, die letztlich nicht in die Tat umgesetzt wurden. Ich kenne einige Besserverdienende und Selbständige, die ankündigten, Deutschland umgehend zu verlassen, um nach Mallorca, Südafrika, Bali oder Rio auszuwandern, wenn Gerhard Schröder Bundeskanzler würde. Keine Sorge, sie wohnen alle noch hier. Wenn man sich schon mit dem Gedanken trägt, Remscheid zu verlassen, stellt sich doch gleich die Frage, wohin in der Umgebung, nach W, SG, D, K, DU, E, GE, DO? Wer sich einmal manche linksrheinische Quartiere in Köln oder östliche Stadtteile von Düsseldorf in Ruhe betrachtet hat, von  vielen Wohnbezirken in den Ruhrstädten ganz abgesehen, könnte Remscheid  danach für eine Spielart des Paradieses halten. Renovierungsbedürftige Häuser auf dem Honsberg wirken dagegen wie Neubauten.

Von der Bevölkerungspyramide her betrachtet, stellen sich noch ganz andere Fragen: Wandern etwa die Menschen aus den Altenheimen aus oder die Rentner, die hier preiswerte Mietwohnungen haben, in denen sie seit Jahrzehnten gerne wohnen? Verlässt die Generation der 40- bis 65-jährigen Remscheid, gibt freiwillig ihren eigenen Grund und Boden auf, um in der Fremde Arbeit zu suchen? Gleichzeitig dort im Wettbewerb mit ebenfalls hochqualifizierten Einheimischen zu stehen, die auch verzweifelt nach Arbeit suchen?

Die sinkende Einwohnerzahl der Stadt hat noch andere Ursachen als die reine Abwanderung junger Leute. Liegt es u.a. nicht auch daran, dass diese jungen Menschen und ihre Vorgängergeneration keinen „Bock“ auf Nachwuchs mehr haben, weil sie durch die damit verbundenen Belastungen in ihrer Art, das Leben zu genießen, erheblich eingeschränkt würden? 

Aus meiner subjektiven Sicht hätte ich auch schon zahlreiche Anlässe gehabt, diese Stadt zu verlassen, weil sie nämlich viel von ihrer ursprünglichen Attraktivität verloren hat. Mich ärgert seit Jahren maßlos, wie gedankenlos hier mit der Zerstörung der Natur umgegangen wird, jedes freie Fleckchen mit Gewerbe oder Wohnbebauung überzogen wurde oder noch in der Planung ist. Immer mit dem Totschlagsargument der Arbeitsplatzbeschaffung verbunden.

Die bisher daraus resultierenden Erfolge sind mehr als dürftig. Als ein Beispiel möchte ich nur das Gelände das Mannesmann-Parks an der Burger Strasse nennen, wo etwa vierzig riesige,  kerngesunde und uralte Laubbäume 146 Aldi-Parkplätzen geopfert wurden, weil dieses angeblich gesetzlich so vorgeschrieben sei. Denkste! Heute hält es selbst an Wochenenden sehr genau, dort etwa ein Drittel der 146 Plätze belegt vorzufinden.  In Worten achtunddreißig (!) Lebensmitteldiscounter und Vollsortimenter findet man inzwischen in dieser Stadt, deren Bürger demnach kurz vor dem Verhungern statt vor der Auswanderung Vielleicht ist das ja der wahre Grund für die bevorstehende Völkerwanderung!?

Ich werde mit meiner Familie diese Stadt nicht verlassen. Und ich werde mich dafür einsetzen, dass das Umfeld noch einigermaßen ansehnlich bleibt.  Für Arbeitsplätze, da müssten andere sorgen, die  ebenfalls mit Abwanderung drohen. Aber wohin? Die entsprechenden Grundstücke jenseits des Eschbachs sind inzwischen auch dünn gesät. Nach Tschechien, in die Ukraine, immer weiter nach Osten? Darüber spricht nach den verheerenden Erfahrungen kaum noch jemand. Lange Rede, kurzer Sinn: Remscheid wird weiterleben - auch mit weniger Einwohnern. Vielleicht anders. Aber viele von denen, die heute vermeintlich auf gepackten Koffern sitzen, werden die Stadt dann selbst  mit gestalten. Den Ärger darüber, in Zukunft vielleicht auf liebgewonnene Dinge verzichten zu müssen, kann ich verstehen. Das aber ist eben das Leben.  Nit te bang!       

Trackbacks

Keine Trackbacks

Kommentare

Ansicht der Kommentare: Linear | Verschachtelt

Michael Dickel am :

Hallo Herr Göbert. So ganz unwidersprochen kann man Ihren, wenn auch in vielen Bereichen treffend analysierten Text nicht lassen. Denn es gibt ja auch schon ganz andere Beispiele, wenn auch überwiegend bisher in ländlichen Bereichen. Fehlt es dem Nachwuchs an Arbeitsplätzen und damit Zukunftsperspektiven, wir er dorthin ziehen, wo es ihm geboten wird. Zurück bleiben überwiegend ältere Einwohner, die dann jedoch leider auch früher oder später das Zeitliche segnen! So gibt es immer mehr Geisterdörfer z.B. in der Eifel oder in Mecklenburg-Vorpommern. Nun kann man Remscheid zu Gute halten, dass es ja immer noch recht nah an den übrigen Ballungsgebieten liegt und gleichzeitig eine recht ansehnliche Natur und Landschaft verfügt. Dies allein reicht aber nicht aus, um seinen Wohnort dort zu halten. Sicher ist es für die Generation der - sagen wir mal - ab 40 jährigen schon zu spät (Ausnahmen wird es immer geben), ihre Wurzeln zu versetzen. Aber ich kann Ihnen versichern, hätte manch einer von denen vor 20 Jahren in die Zukunft schauen können, sähe es heute noch düsterer um die Einwohnerzahl aus. Und es ist daher nur eine Frage der Zeit, wo selbst der Nachwuchs der Migrantenfamilien Remscheid den Rücken kehren wird. Wenn nicht durch ein mittel- und langfristiges Konzept den Bürgern eine Zukunft aufgezeigt wird. Ganz egal in welcher Richtung sollte man dieses heiße Eisen anfassen - sei es als Schlafstadt für Köln und Düsseldorf (dann aber mit der entsprechenden Infrastruktur), als Naherholungsgebiet mit Wochenend-Häuschen und dem entsprechenden Tourismusangebot nebst damit verbunden Arbeitsplätzen, oder weiterhin als mittelgroße Stadt mit ca. 80.000 Einwohnern, die durch mittelständische Unternehmen mit Arbeitsplätzen und damit Kaufkraft versorgt wird. Dann muss man aber ebenfalls die nötigen Voraussetzungen schaffen, die für moderne Betriebe nötig sind. Ich gebe Ihnen jedoch Recht, dass dann selbstverständlich Brachen rekultiviert werden müssen. All das kann man mit viel Weitsicht planen - hier wäre eine Bürgerbeteiligung sinnvoll - denn Zeit hat man genug. Geld ist sicher so schnell keins mehr da. Den Strukturwandel einleiten hat man ja geradezu klassisch in Remscheid wieder versäumt - oder haben Sie einen anderen Eindruck über die Ergebnisse der Regionale 2006?

Raphael Hallstein am :

Als "Remscheid-Flüchtling" komme ich nicht drum herum, hier Stellung zu beziehen. Ich habe zwar eine etwas abweichende meinung zu den Ausführungen von Herrn Göbert und Herrn Dickel, jedoch ist der Grundtenor schon gleichlautend. Nein, ich bin nicht wegen fehlender Schulen, fehlendem Theater, eines fehlenden oder zu geringen Angebots an Museen weggezogen. Wie wohl für 80 Prozent aller weggezogenen Remscheider gibt es dafür zwei Gründe: ein neuer Job/eine neue Jobperspektive und die endlich fürs Leben gefundene Partnerin. Ach ja, davor gab es auch noch einen weiteren Grund, die Ferne zu suchen. - ich wollte mal heraus aus dem bergischen Dunstkreis. Daher war es für mich durchaus ein Abenteuer, eben nicht in Wuppertal zu studieren (mein Studienfach gab es dort übrigens auch gar nicht), alle Bekannten vom Abi wieder zu treffen, sondern mal einen anderen Winkel unserer Republik und andere Menschen zu erkunden (konkret: Würzburg und München). Nach Abschluss des Studiums hätte es mich schon wieder gerne zurück nach Remscheid geführt, warum auch nicht? Allerdings waren ökonomische Entscheidungen zu treffen: für das, was ich machen wollte, gab es hier keinen Markt! Gut, ich hätte in Remscheid wohnen können und dann pendeln, z.B. nach Köln, Düsseldorf, Dortmund etc. Was hätte für Remscheid gesprochen? Ganz ehrlich? Eigentlich die perfekte Verkehrsanbindung. Die Bahn meine ich damit nicht, aber die Anbindung an die Autobahn ist optimal. Ich bin innerhalb einer halben Stunde (bei entsprechender Verkehrslage an den Flughäfen von Düsseldorf, Köln oder Dortmund). In der gleichen Zeit habe ich eine gigantische Auswahl ans Kultur-, Freizeit- und Einkaufsmöglichkeiten. Sie glauben es kaum? Dann zählen Sie mal nach: Wie viele Zoos können Sie innerhalb einer 3/4-Stunde von Remscheid aus erreichen? Ich habe nach zehn aufgehört zu zählen. Das gibt es bei mir in Frankfurt nicht: städtischer Zoo oder Opel-Zoo, also zwei. So könnte es weiter und weiter gehen. Daher verstehe ich die ganzen Untergangs-Apologeten nicht, die einfach nicht glauben wollen, dass Remscheid nicht zusammenbricht, wenn man mal für Kultur und Freizeit ein wenig weiter fahren muss. Ich kann Herrn Göbert da nur Recht geben. Keiner würde wegen eines geschlossenen Theaters, eines nicht mehr vorhandenen Orchsters Remscheid den Rücken kehren. Auch nicht für eine fehlende Jugend- und Musikschule würde ich Remscheid verlassen. Ich würde mich ärgern, dass ich jetzt nach Wuppertal oder Wermelskirchen müsste, aber dafür weg zu ziehen? Niemals. Zentraler für die junge Generation, der ich nun auch leider bereits entwachsen bin, sind Jobs und Wohnen. Zu Jobs zählt für mich auch die Attraktivität für Gründer. Damit sind nicht alleine Gewerbeflächen gemeint, sondern ganz wichtig auch Bildung (gerade die im schulischen Bereich). Ich könnte mich jetzt auslassen darüber, wie schwer es für meine Kanzlei war und ist, jemanden zu finden der unsere Muttersprache in Wort, Schrift und Grammatik beherrscht...und wie ich daran nahezu verzweifelt bin. Ganz wichtig für Remscheid ist: positiv denken. Wie "verknöstert" Bergische sind, habe ich in den letzten 20 Jahren auch an mir feststellen müssen. Eines hat mich meine Wanderschaft nämlich gelehrt, nicht nur der Rheinländer ist im Grunde optimistisch. Uns Bergischen ist aber eine pessimistische Grundhaltung irgendwie zu eigen. Wie sehr, habe ich durch meine Selbständigkeit erfahren. Ich wollte es unbedingt machen, wusste aber, dass es drei Millionen Argumente gibt, das es in die Hose gehen kann und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch gehen wird. Nur meine Frau - übrigens aus Bayern - war weit gelassener. Sie meinte nur: Mach nur mal, dann schauen wir weiter, und im Zweifel muss man sich wieder was anderes suchen. Und? Sie hatte Recht.

Hans Gerd Göbert am :

Vielen Dank an Herrn Dickel und Herrn Hallstein für ihre Kommentare. Ich habe hier meine sehr subjektive Sicht der Dinge geschildert und weiß, dass es noch viele andere Gründe gäbe, der Stadt den Rücken zu kehren. Ich akzeptiere allerdings sehr ungerne die diesbezügliche Panikmache mancher Einwohner. Meine Meinung ist auch bestimmt nicht repräsentativ für die Problematik, weil ich im fortgeschrittenen Alter mit vielen Jahren Berufserfahrung in zahlreichen europäischen Ländern nicht mehr so den Drang nach "auswärts" habe, vielleicht auch nicht mehr haben muss. Die Lebenssituation junger Leute stellt sich heute vielfach leider völlig anders dar. Das kann ich zwar objektiv erkennen, aber bedauerlicherweise nicht ändern. Ich denke einmal, die nächsten zehn Jahre werden zeigen, ob die Panikmache ihre Berechtigung hatte oder meine etwas gelassenere Sicht der Dinge.

Kommentar schreiben

Die angegebene E-Mail-Adresse wird nicht dargestellt, sondern nur für eventuelle Benachrichtigungen verwendet.

Um maschinelle und automatische Übertragung von Spamkommentaren zu verhindern, bitte die Zeichenfolge im dargestellten Bild in der Eingabemaske eintragen. Nur wenn die Zeichenfolge richtig eingegeben wurde, kann der Kommentar angenommen werden. Bitte beachten Sie, dass Ihr Browser Cookies unterstützen muss, um dieses Verfahren anzuwenden.
CAPTCHA

Standard-Text Smilies wie :-) und ;-) werden zu Bildern konvertiert.
Formular-Optionen

Die einzelnen Beiträge im "Waterbölles" geben allein die Meinung des Autors / der Autorin wieder. Enthalten eingeschickte Texte verleumderische, diskriminierende oder rassistische Äußerungen oder Werbung oder verstoßen sie gegen das Urheberrecht oder gegen andere rechtliche Bestimmungen oder sind sie nicht namentlich gekennzeichnet nebst E-Mail-Adresse, werden sie nicht veröffentlicht. Das gilt auch für substanzlose Bemerkungen ("Find ich gut/schlecht/blöd...etc."). Aus den oben genannten juristischen Gründen sowie bei längeren Texten sind auch Kürzungen nicht ausgeschlossen.

Kommentare werden erst nach redaktioneller Prüfung freigeschaltet!