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Kurzarbeiter kamen, weil ihnen "die Decke auf den Kopf fiel"

Vorstand und Team der Remscheider Freiwilligenzentrale 'Die Brücke'. Foto: Lothar Kaiser

Am 26. Juni 2008 gingen 25 Einzelpersonen sowie die Vertreter von Wohlfahrtsverbänden, Kirchen und Institutionen in Remscheid daran, dem Ehrenamt in unserer Stadt einen Namen, eine eigenständige Form, einen zentralen Ort und konkrete AnsprechpartnerInnen zu geben. Heraus kam dabei „Die Brücke e.V. – Freiwilligenzentrale für Remscheid“, seit dem 30. September 2008 eingetragen ins Vereinsregister beim Amtsgericht Remscheid. Die Dipl.-Sozialarbeiterin Melanie Clemens vom Diakonischen Werk des Kirchenkreises Lennep übernahm den Aufbau der neuen Einrichtung hauptamtlich; schon bald kamen drei ehrenamtliche Mitarbeiter/innen hinzu, so dass „die Brücke“ Anfang 2009 damit beginnen konnte, an einem Ehrenamt interessierte Bürger/innen mit gemeinnützigen Institutionen in Remscheid zusammenzubringen. Seitdem habe der Verein „viele Brücken geschlagen zu Einzelpersonen, Verbänden, Kirchen und sozialen Einrichtungen", stellte heute auf einer Pressekonferenz in den Geschäftsräumen des Vereins (Alte Bismarckstraße 8)  Pfarrer Martin Rogalla fest, der Vorsitzende. „Für viele Bürger/innen ist ‚die Brücke’ zu einer Anlaufstelle geworden, wo sie qualifiziert und nachhaltig Unterstützung bei ihrer Suche nach einer sinnstiftenden und erfüllenden ehrenamtlichen Tätigkeit erhalten.“ Mit dabei die Vorstandsmitglieder Werner Fußwinkel (Geschäftsführer der Caritas Remscheid), Ralf Noll vom Stadtteil e.V. „Haus Lindenhof“ (für die Arbeiterwohlfahrt), Karl-Manfred (KM) Halbach (Vorsitzender der Kreisgruppe Remscheid von „Der Paritätische“) und natürlich das Vermittlungsteam, das hier jeden Dienstag von 15 bis 17 Uhr und Donnerstag von 10 bis 12 Uhr anzutreffen ist: Melanie Clemens, Peter Weidert, Werner Brück und Nancy Lambeck. Anlass: der erste Jahresbericht der „Brücke“. Werner Fußwinkels kurzes Fazit: „Die Arbeit hat sich gelohnt; die Gründung war die richtige Entscheidung zur rechten Zeit!“

Der Ausblick auf 2010 enthielt allerdings einen Wermutstropfen: „Die wirtschaftlichen Probleme der Stadt treffen auch die Wohlfahrtsverbände und damit auch 'die Brücke'“, so Martin Rogalla. Konkret: Die Begleitung durch die hauptamtliche Sozialarbeiterin wird in diesem Jahr aus finanziellen Gründen von 15 auf sechs Wochenstunden reduziert. Und ab 2011 wird es gar keine sozialarbeiterische Begleitung mehr geben. Um dann die Arbeit nicht einschränken zu müssen, braucht der Verein dann neue Einnahmequellen. Rogalla: „Die Sachkosten liegen bei 10.000 Euro pro Jahr!“ Da ist dann jedes neue Mitglied (Jahresbeitrag 120 € für Einrichtungen und 30 € für Privatpersonen) ebenso willkommen wie Spende auf das Konto Nr. 67 660 bei der Stadtsparkasse Remscheid (BLZ 34050000).

Nur kurze Zeit hielt sich in der Remscheider Freiwilligenzentrale das klischeehafte Bild, der typische Ehrenämtler sei männlich und Rentner. Melanie Clemens: „Schon der Erste, der bei uns nachfragte, entsprach diesem Klischee nicht. Vermittelt haben wir bislang mehr Frauen (31) als Männer (22), und die größte Gruppe war die der 40- bis 60-Jährigen, darunter viele, die noch voll im Beruf standen und etwas ‚für nebenbei’ suchten!“ In letzter Zeit hätten sich auch mehrere Kurzarbeiter gemeldet mit der Bemerkung „Mir fällt die Decke auf den Kopf“. Aber auch junge Leute, darunter auch Migranten, klopften an.

Auch eine andere Erwartung hat sich im ersten Jahr der Vermittlungstätigkeit nicht erfüllt. Clemens: „Wir hatten angenommen, die gemeinnützigen Verbände würden uns die Bude einlaufen. Das war nicht der Fall.“ Tatsächlich sei die Nachfrage größer als das Angebot. Das liegt wohl daran, dass die Vermittlung aus mehr besteht als nur einem Telefonat. „Die Brücke“ legt Wert auf Qualitätsstandards: Zum einen werden die nachfragenden Bürger nach ihren Beweggründen befragt. Wollen sie „nur etwas tun“, wollen sie anderen helfen oder wollen (auch) eine sinnvolle Tätigkeit als Perspektive für ihr eigenes Leben übernehmen. Zum anderen kommen die gemeinnützigen Organisationen nicht umhin, einen so genannten Profilingbogen auszufüllen. Auf dessen vier Seiten ist beispielsweise anzugeben, dass es sich bei der zu besetzenden „Stelle“ um keinen kostenlosen Ersatz für eine hauptamtliche Kraft handelt, ob der Ehrenämtler mit einem Mentor, Fortbildung und Entwicklungsmöglichkeiten rechnen kann und damit, ins Team eingebunden zu werden. Wichtig auch: Wird ihm ideelle Anerkennung zuteil? Melanie Clemens: „Mit diesen Bögen tun sich manche Einrichtungen noch recht schwer; es fehlt häufig an konkreten Stellenbeschreibungen. Aber wir kommen gerne und beraten vor Ort.“

Gleichwohl konnte die Freiwilligenzentrale zahlreiche interessante und kreative Tätigkeiten aus vielerlei Bereichen vermitteln. Oberstes Gebot: Die zu vermittelnden Stellen dürfen kein preiswerter Ersatz für hauptamtliche Mitarbeiter sein. Und: Die Freiwilligenzentrale bietet selbst keine ehrenamtlichen Tätigkeiten an oder organisiert sie. Beispielhaft wurde in der heutigen Pressekonferenz der Einsatz von Baumpaten genannt. Niemand vom Vorstand oder dem Team schien es zu bedauern, dass die Stadt Remscheid sich um derartige ehrenamtlichen Helfer selbst kümmern will, wie tags zuvor von Oberbürgermeisterin Wilding erläutert worden war (siehe Telefonaktion am Freitag).

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Chronist am :

In der jüngsten Mitgliederversammlung des Vereins Die Brücke e.V. fasste Vorsitzender Martin Rogalla die Arbeit des Vereins seit Gründung kurz zusammen: „Das vergangene Jahr war stark geprägt durch die öffentliche Diskussion über das Ehrenamt in der Stadt. Die Frag: „Wie kann das Ehrenamt adäquat organisiert werden, so dass der ehrenamtlich Mitarbeitende ebenso zu seinem Recht kommt wie die Einsatzstelle?“ wurden ebenso diskutiert, wie die Frage: „Kann das Ehrenamt der Stadt Remscheid in Zeiten finanzieller Krise helfen?“Vor allem die letzten sechs Monate beschäftigte sich der Vorstand vornehmlich mit der wirtschaftlichen Lage des Vereins. Im Jahr 2010 hatten wir ein Jahresbudget von ca. 18.000 €. Eine Deckung dieser Kosten steht für 2011 noch aus. Allerdings gibt es einige sehr positive Nachrichten: 1) Der RGA hat uns in sein Projekt „Helft uns helfen“ aufgenommen, das sehr positiv angelaufen ist. Bereits nach dem ersten RGA-Bericht meldete sich eine Spenderin, die 5.000 € der Brücke zukommen lassen will; 2) die Stiftung Soziale Impulse hat der Brücke 1.000 € zukommen lassen; 3) die Kaltmiete für das Büro konnte von 250 € auf 200 € gesenkt werden. Melanie Clemens steht ab dem 1.1.2011 der Brücke nicht mehr als hauptamtliche Kraft zur Verfügung. Statt dessen konnte Nicol König aus dem Brückenteam für die Arbeit gewonnen werden. Sie ist seit dem 1.11.2010 in einem von der ARGE geförderten und auf zwei Jahre befristeten Arbeitsverhältnis mit 20 Wochenstunden vom Vorstand eingestellt worden Der Vorstand der Brücke e.V. wurde erneut für zwei Jahre gewählt.

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