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Drei vor Neun: Polit-Talk im Theater auf roten Sesseln

Die Stühle im Foyer des Teo Otto-Theaters reichten nicht. Foto: Lothar Kaiser 

In den 1970er Jahren, als der WDR-Moderator Reinhard Münchenhagen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen mit der WDR-Talkshow "Spätere Heirat nicht ausgeschlossen" und als ARD-Gastgeber von "Je später der Abend" bundesweit bekannt wurde, da spielte Sven Wolf (*10. Februar 1976)  in Remscheid  im Sandkasten, und Hannelore Kraft (*12. Juni 1961) büffelte an der Ruhr noch für ihr Abitur.  Auf roten Sesseln im Foyer des Remscheider Teo Otto-Theaters kamen die Drei gestern Abend erstmals zusammen. Und Münchenhagen, seit Ende 2003 pensioniert und wohnhaft in Bayern, („immer nahe bei der SPD, aber nie in ihr“, wie er verriet) tat das, was er Jahrzehnte lang professionell getan hat – er interviewte:

  • Sie: Die Spitzenkandidatin der SPD im laufenden Landtagswahlkampf, verheiratet, ein Sohn, Parteimitglied seit 1994 („ein Seiteneinsteiger“ nach eigenen Worten), Landtagsabgeordnete seit 2005, erstmals Ministerium 2001, SPD-Fraktionsvorsitzende im Düsseldorfer Landtag seit 2005, SPD-Landesvorsitzende seit 2007, stellvertretende Bundesvorsitzende (eine von vier) seit November 2009.
  • Er: ledig, trat schon mit 22 in die SPD ein, da studierte er in Köln Jura im Erstsemester. Schon ein Jahr später Wahl in den Rat der Stadt Remscheid, dem er seitdem ununterbrochen angehört. Seit 2005 Vorsitzender des SPD-Ortsvereins Remscheid-West, seit 2009 stellvertretender Fraktionsvorsitzender der SPD-Ratsfraktion, seit dem 7. Oktober 2009 Landtagskandidat seiner Partei im Remscheider Wahlkreis 35.
Teil II des Abends ohne Sessel: Von li. n. re. Hannelore Kraft, Sven Wolf und Reinhard Münchenhagen. Foto: Lothar Kaiser

Die heiße Phase des Wahlkampfes hat begonnen. Bis zur Wahl am 9. Mai sind es noch sieben Wochen. Alles deutet auf ein Kopf-an-Kopf-Rennen hin, sprich: Niemand kann schon sicher sein, die Wahl zu gewinnen. Aber alle geben sich siegessicher. Auch Hannelore Kraft gestern in Remscheid: „Ich glaube schon, dass die Leute mich wollen!“  Viel Beifall bewies jedenfalls an diesem Abend: Die Parteivorsitzende kam beim Publikum an. Mit so vielen Besucher/innen hatte Sven Wolf gar nicht gerechnet: Die Stühle reichten nicht. Sven Wolf hocherfreut: „Wenn die SPD in Remscheid einlädt, hat sie nicht immer einen so vollen Saal…!“

Gemeinsam traten die beiden SPD-Kandidaten „für ein gerechtes NRW“ an. So stand es auf den Transparent, das über den roten Sesseln hing. Darin menschelte es zunächst – beinahe ohne Politik. Denn Münchenhagen hatte die Aufgabe übernommen, den potenziellen Wähler/innen erst einmal den Menschen Hannolore Kraft vorzustellen und erst später, nachdem sich Sven Wolf hinzugesellt hatte, auch die politischen Botschaften der SPD. Da entstand im Interview das Bild einer Frau, die aus kleinen Verhältnissen kommt (Vater gelernter Schumacher, Mutter Verkäuferin), die zielstrebig ihr Abitur schafft, danach eine Banklehre, dann ein wirtschaftswissenschaftliches Studium (teilweise in London, des damaligen Freundes zuliebe), anschließend Unternehmensberaterin bei ZENIT.

„Haben Sie NRW schon einmal in einem gerechten Zustand erlebt?“, will Münchenhagen wissen. – „Jedenfalls in einem gerechteren. Gerechtigkeit ist vielerorts verloren gegangen. An den Universitäten (Studiengebühren), am Arbeitsplatz (Dumpinglöhne, Zeitverträge). Darauf kommt Hannelore Kraft später noch einmal zurück: „Diese Ketten von Zeitverträgen sind eine Katastrophe, für den wirtschaftlichen Fortschritt wie für den sozialen Zusammenhalt dieser Gesellschaft. Denn erfolgreich können wir nur sein, wenn wir besser sind als andere, nicht billiger!“

Kein Bild einer Bilderbuchkarriere, das sich da durch Fragen herauskristallisiert. Auch nicht bezogen auf die SPD. Dort hätten es „Seiteneinsteiger“ nicht leicht, sagt Hannelore Kraft. „Sie müssen in der Partei hart arbeiten, bevor man sie anerkennt, viele Plakate kleben, viele Wahlzettel verteilen, sich in einem Ortsverein engagieren. Bei Frauen kommen Selbstzweifel hinzu. „Ich habe mir damals die Frage gestellt: Kannst Du das?“, räumt Hannolore Kraft ein. Von Männern ist derartiges in der Öffentlichkeit (fast) nie zu hören. „Politik ist eine Männerwelt“, antwortet die Kandidatin auf eine Frage von Münchenhagen. „Sich männlichen Ritualen anzupassen, ist nicht immer einfach.“ Beispiel: Eine Diskussion im Landtag. Es wird hitzig debattiert. Kraft: „Beim Mann heißt das dann ‚kämpferisch’, bei der Frau ‚zickig’!“

In der SPD müsse Platz sein für beide, für Berufspolitiker und für „Seiteneinsteiger“, kommt die Kandidatin auf  eine frühere Bemerkung zurück. Die Mischung mache es  (damit kann Sven Wolf gewiss leben). Hauptsache, der Politiker habe auch noch einen (anderen) Beruf gelernt: „Man muss frei sein, sonst kann man keine gute Politik machen!“ – „Ist jeder seines Glückes Schmied“, fragt Münchenhagen. – „Dummes Zeug“, ist die spontan wirkende Antwort. Von dort bis zur gegenwärtigen Wirtschaftskrise ist der Weg nicht weit. „Wären mehr Frauen in Führungsetagen, hätte es diese Krise so nicht gegeben“, sagt Hannolore Kraft. „Weil Frauen anders denken.“ Es ärgere sie im Übrigen, dass Manager so hohe Gehälter bekämen und dafür so wenig Verantwortung übernähmen. Stichwort „Leistungsträger“: „Für mich zählen zu den wahren Leistungsträgern auch Altenpfleger, Polizisten und Sozialarbeiter!“ Deren Einsatz habe sie in den vergangenen Wochen beeindruckt, als sie im Lande auf die "TatKraft"-Tour war.

Das war auch Sven Wolf. Nicht so oft wie die SPD-Landesvorsitzende, aber immer immerhin - im „Willi-Hartkopf-Haus“, dem Altenheim der Arbeiterwohlfahrt an der Bliedinghauser Straße (der Waterbölles berichtete).  Gemeinsam widmen sich nun beide dem Thema „Bildung“. Darum könne man sich nicht früh genug kümmern. Schon in der Kita, aber auch (noch früher) bei den Eltern. Münchenhagen wirft die Frage ein, wer das alles bezahlen soll. Kraft verweist auf das Kindergeld. Individuell ausgezahlt? Oder doch besser und zielgerichteter ausgegeben für Kita, Grundschule mit OGGS und Schul-Mittagessen, Sportverein und Musikunterricht?!!!

Dass die Finanzfrage auch zu den Problemen der Kommunen führt, zu den Sparzwängen der Stadt Remscheid, kommt Sven Wolf nicht ungelegen, kann er hier doch erneut die Hilfe von Bund und Land einfordern. „Die Entlastung von Kosten, die der Bund den Kommunen aufgebürdet hat“, ergänzt Hannolore Kraft und verweist auf die „Aufbauhilfe Ost“, für die Remscheid, so Wolf, jährlich mehr als drei Millionen Euro an Krediten aufnehmen müsse. Münchenhagen, in Rostock geboren, weiß zu berichten, dort werde gerade für 50 Millionen (aus den alten Bundesländern) ein zweites Hafen-Museum gebaut.

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