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Die Morde in der Wenzelnbergschlucht am 13. April 1945

Das Mahnmal in der Wenzelnbergschlucht.Von Fritz Beinersdorf

Auf Langenfelder Stadtgebiet, in der so genannten Wenzelnbergschlucht, erschoss die Gestapo in den letzten Tagen der Nazi-Herrschaft, vier Tage vor Ende des Zweiten Weltkriegs, 71 Häftlinge, die überwiegend aus dem Zuchthaus Lüttringhausen kamen.

Der SS- Obergruppenführer Karl Gutenberger hatte schon Ende September 1944, bei einem Treffen mit Leitern der Rheinland - Westfälischen Polizeibehörden und den Generalstaatsanwälten des Wehrkreises erläutert, dass die Insassen der polizeilichen Haftstätten und Strafanstalten, die sich in Frontnähe befanden, „unter allen Umständen beseitigt werden“ müssten. Generalfeldmarschall Model, Befehlshaber der Heeresgruppe B im damaligen Ruhrkessel, erteilte am 7. April 1945 den Befehl, dass „Zuchthausinsassen und politische Untersuchungsgefangene zur Überprüfung den Sicherheitsorganen zu übergeben“ seien. Eine „nähere Regelung“ treffe der Höhere SS- und Polizeiführer. Im Falle der Häftlinge im Zuchthaus Lüttringhausen, war dies SS-Obergruppenführer Gutenberger, dessen Stab im April 1945 in Wuppertal untergebracht war.

Telegramm der Gestapo vom 24. Januar 1945.Zur „Überprüfung und Auflistung“ der Lüttringhauser Häftlinge erschienen am 10. April 1945 vier Gestapobeamte beim Direktor des Lüttringhauser Zuchthauses Dr. Karl Engelhardt. Dieser lehnte eine „Überprüfung und Auflistung“ aus formalen Gründen ab, entschied sich aber später auf Druck des Wuppertaler Gestapochefs Josef Hufenstuhl dafür, selbst eine Liste von Gefangenen anzufertigen. Wie nach Kriegsende von Dr. Engelhardt beschrieben, nahm er entgegen den Forderungen des Gestapochefs nur Personen in seine Liste auf, „die entweder schwerstkriminell belastet oder politisch verhältnismäßig harmlos oder der Wuppertaler Polizei als Funktionäre bestens bekannt waren.“ Die Liste enthielt laut Engelhardt „weniger als 90 Namen“.

Gemeinsam mit Generalstaatsanwalt Hagemann, seinem Dienstvorgesetzten, versuchte Engelhardt am 11. April bei Gutenberger, den er allerdings nicht persönlich antraf, für die Häftlinge zu intervenieren. Am Abend desselbigen Tages wurde ihm durch die Gestapo mitgeteilt, dass am nächsten Tag alle auf der Liste befindlichen Häftlinge abgeholt werden sollen. Mit Hilfe seiner Mitarbeiter gelang es Engelhardt, eine große Anzahl von politischen Häftlingen in Sicherheit zu bringen, indem sie auf Außenkommandos abgeschoben wurden. Er lieferte 60 Häftlinge, darunter 10 politische, an die Gestapo aus. Sie wurden am 12. April in das Wuppertaler Polizeipräsidium verbracht.

Am 13 April wurden in aller Frühe die 60 Häftlinge aus Lüttringhausen gemeinsam mit vier Häftlingen aus dem Zuchthaus Wuppertal-Bendahl und vier russischen und polnischen Zwangsarbeitern aus dem Polizeigefängnis Ronsdorf in die Wenzelnbergschlucht gebracht. Dazu kamen drei Personen, deren Herkunft und Namen bis heute nicht bekannt sind. Die Gefangenen wurden mit Lastkraftwagen bis an die Sandgrube gefahren, mussten sich dort zu zweit aufstellen, wurden mit Draht aneinander gefesselt, mussten sich hinknien und wurden dann mit Genickschuss ermordet.

Am 17 April befreiten amerikanische Truppen Solingen vom Faschismus. Der antifaschistische Widerstandskämpfer Karl Bennert berichtete den amerikanischen Besatzungstruppen von dem Massaker. Unter Leitung des damals 19 jährigen US – Infanteriefunkers Dudley Strasburg griff ein Trupp US-Soldaten 25 bekannte Nazis auf, die die Leichen der ermordeten Häftlinge exhumieren mussten. Nach einer kriminaltechnischen Untersuchung der Leichen durch die Amerikaner wurden später unter großer Anteilnahme der Bevölkerung die Ermordeten vor dem Rathaus in Solingen- Ohligs bestattet. Im Jahre 1965 wurden die Opfer der Nazibarbarei an ihren letzten Ruheort, Mahnmal Wenzelnberg, umgebettet.

Das Mahnmal in der Wenzelnbergschlucht.Die Namen der Opfer: Ludwig Baumann, Hugo Breemkötter, Josef Breuer, Leopold Choncenzey, Wilhelm  Clemens, Christian Döhr, Heinrich Dietz, Adolf Führer, Bernhard Funkel, Wilhelm Fatscher, Johann Galwelat, Otto Gaudig, Karl Gabowski, Wilheim Gietmann, Albert Grandt, Johann  Hense, Adolf Hermanns, Karl  Horn, Wilhelm Hanrath, Hans  Holzer, Ferdinand Jahny, Wincente Jankowski, Polen, Hermann Jäger, Friedrich Knopp, Artur Koch, Friedrich Kamleiter, Jakob  Krieger sen., Josef Kuhnt, Heinrich Kubick, Rudolf Käferhaus, Daniel Kresanowski, UdSSR, Walter Kuhlmann, Wilhelm  Kranz, Max Lang, Erich Lohmer, Paul Liszum, Hermann  Landtreter, Horst Lettow, Henri Liebisch, Ferdinand Margreiter, Heinrich Marth, Otto Markus, Gustav Marnitz, Franz Müller, Walter Nell, Josef Nikolay, Hubert Offergeld, Heinrich  Rode, Adolf Röder, Herbert  Runkler, Sylvester Sniatecki, Heinrich  Schlieper, Karl  Schulz, Wilhelm  Stangier, Mitrofan  Saitzki, UdSSR, Franz  Spitzlei, Theodor Schmidt, Johann  Schyra, Paul  Tegethoff, Max  Thiemann, Josef Thiemann, Heinrich  Tries, Paul Wondzinski,  Karl Wallraven, Hans Wimmershof, Wilhelm Wilgeroth, Victor Woynec, UdSSR, August  Zywitzki und drei  Unbekannte.

Exhumierung der Leichen in der Wenzelnbergschlucht.Und dies sind die Täter vom Wenzelnberg: Von der Gestapo Wuppertal waren beteiligt Hufenstuhl, Goeke, Blume, Dahlmann, Ilvermann, Kloß, Schalenberger, Hornberger und Michels; von der Gestapo Solingen waren beteiligt: Burmann, Nees, Wald, Endes, Vogel, Schwarz, Schneller, Jessinghaus, Zymni und Mertens. Keiner der namentlich bekannten Gestapo- und Kripobeamten wurde je für die Morde in der Wenzelnbergschlucht bestraft, denn nach § 6 des „Straffreiheitsgesetzes“ von 1954 sollte Straffreiheit für all jene Straftaten gewährt werden, die „unter dem Einfluss der außergewöhnlichen Verhältnisse des Zusammenbruchs zwischen dem 1. Oktober 1944 und dem 31. Juli 1945 in der Annahme einer Amts-, Dienst- oder Rechtspflicht insbesondere auf Grund eines Befehls“ begangen worden waren. Dies war de facto die Generalamnestie für alle Mörder, die sich „Kriegsendphasen-Verbrechen“ schuldig gemacht hatten. (siehe auch „Das Mahnmal Wenzelnberg: Entstehungsgeschichte und seine Bedeutung heute“, Facharbeit von Marcus Theisen)

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Chronist am :

„Die Wenzelnberg-Falle“ heißt das zweite Buch von Bernd Kleuser. Der Remscheider, der seit 1978 in Unkel am Rhein lebt, beschäftigte sich in seinem ersten Roman „Villa Goldenberg“ (siehe http://tinyurl.com/cvz46le) 2010 mit dem Wohnhaus seiner Familie, das 1964 von der Erbengemeinschaft Kleuser an die Stadt Remscheid verkauft worden war. Sein neues Buch ist ein „Faction-Krimi“, der sich, aufbauend auf den Wenzelnberg-Morden vor 72 Jahren, mit Schuld und Sühne der Nachkriegsgesellschaft beschäftigt. Kleuser: „Den im Roman beschriebenen BMW-Sahara-Motorrad-Club hat es tatsächlich gegeben. Meine beiden Onkel, die in der Villa Goldenberg lebten, waren Mitglieder in diesem Club.“

Chronist am :

In der gemeinsamen Gedenkstunde der Städte Remscheid, Solingen, Wuppertal, Langenfeld und Leverkusen am Mahnmal Wenzelnberg unter Mitwirkung des Lüttringhauser Posaunenchor, des Lüttringhauser Männerchores, der Schülergruppe des Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasiums und Werner Faeskorn als Vertreter des VVN/Bund der Antifaschisten wird Oberbürgermeisterin Beate Wilding zur Stunde von Bürgermeister Lothar Krebs vertreten: „ Am 13. April 1945, wenige Stunden vor der Befreiung des Bergischen Landes durch amerikanische Streitkräfte, wurden 71 Insassen verschiedener Gefängnisse an dieser Stelle ermordet. Sie gehören damit zu den letzten der zahllosen Opfer des NS-Regimes in unserer Heimat. Auf das nahende Ende des Krieges und ihre Befreiung hoffend, mögen die letzten Worte des Liedes der Moorsoldaten – ‚Ewig kann nicht Winter sein, einmal werden froh wir sagen: Heimat, Du bist wieder mein!’ – an die Gedanken und Gefühle der Ermordeten während ihrer Gefangenschaft bis zu dieser Stelle kurz vor ihrem Tode erinnern. Der Beginn des Leids der 71 Opfer vom Wenzelnberg – wie für die zahllosen Opfer in den Konzentrationslagern – liegt begründet im 30. Januar 1933. Einem Tage, als die politische Elite der Weimarer Republik versagte und Hitler den Weg zur Macht ebnete. Die Demokratie lieferte sich dem Diktator aus und nur wenige widerstanden. Ich erinnere an die aufrechten Männer und Frauen, die sich aus politischer, religiöser oder humanistischer Überzeugung dem NS-System widersetzten. Dabei war ihnen bewusst, welches Risiko sie eingingen. Freiheit und Leben waren der Preis, den sie für ihr Gewissen zu zahlen bereit waren. Das machte die bewusste Entscheidung für den Widerstand aus, der kein einfacher Schritt auf dem eigenen Lebensweg war. Der Tendenz in unserer Gesellschaft den Unterschied zwischen Widerstandskämpfern, unpolitischen Mitläufern und Anhängern des NS-Regimes zu nivellieren, gilt es entschieden entgegenzutreten. In diesem Sinne gilt es immer dann zu widersprechen, wenn die Erinnerung verfälscht werden soll. Gedenkenist zuallererst den Opfern geschuldet, den toten und den überlebenden Opfern sowie ihren Nachkommen. Sie haben ein Recht auf unseren Respekt und unsere Empathie, auf eine Spur in unserem Gedächtnis. Die Opfer zu vergessen hieße, sie ein zweites – grausames – Mal zu ächten. Nichtopfer können vergessen, Täter auch. Die Überlebenden hingegen schleppen die Erinnerung an das erlittene Grauen ihr ganzes weiteres Leben mit sich herum, und auch ihre Kinder und Kindeskinder wachsen mit diesen furchtbaren Bildern auf. Gedenken schulden wir aber auch uns selbst. Bundespräsident Theodor Heuss sprach bei einer Gedenkstunde an die Opfer des KZ Bergen-Belsen die richtigen Worte. Sie haben auch knapp 60 Jahre später nichts an ihrer Bedeutung verloren: ‚Da steht das Mahnmal. Da steht die Wand mit den Inschriften. Sie sind Stein, kalter Stein. Saxa Loquuntur. Steine können sprechen. Es kommt auf den einzelnen – es kommt auf dich an – dass du ihre Sprache, dass du ihre besondere Sprache verstehst, um deinetwillen, um unser aller Willen!’ Gedenken wir den Opfern durch eine Minute des Schweigens!’“

Johann Max Franzen am :

Am heutigen Tag habe ich, trotz des schlechten Wetters, an der Gedenkstunde in der Wenzelnbergschlucht teilgenommen. Es war für mich eine sehr beeindruckende Veranstaltung. Sehr beeindruckend war die Rede vom Werner Faeskorn mit seinen Jugenderinnerungen.

Chroinist am :

Werner Faeskorn war so freundlich und hat dem Waterbölles auf Anfrage seine Rede übermittelt. Sie wird nachfolgend dokumentiert: "Jedes Jahr im April findet am Wenzelnberg eine Gedenkfeier für die - ermordeten 71 Opfer des Faschismusstatt. „Wir werden euch nie Vergessen“, - ist eine oft benutzte Redewendung bei Gedenkveranstaltungen. Dieses Versprechen allein reicht nicht. Die Tausenden von Faschisten ermordeten Opfer „nie zu vergessen“, heißt alles zu tun, dass sich solche Verbrechen nicht wiederholen. Wer in unseren Tagen meint, so etwas gebe es bei uns nie wieder, übersieht -die täglichen Medien-Meldungen über neofaschistische Aufmärsche und Straftaten bis hin zu Brandstiftungen und Morde. „Nie wieder Krieg, - nie wieder Faschismus“, das war 1945 die Forderung der aus Gefängnissen und KZ- Lagern befreiten Häftlinge. - Diese Forderung gilt auch heute noch. Sie ist Auftrag und Verpflichtung unserer jährlichen Treffen hier am Wenzelnberg. Die heute hier anwesenden jungen Menschen veranlassen mich, über meinen Vater Fritz Faeskorn zu berichten. Sein Schicksal prägte unsere Familie, prägte mein Leben als Kind und Jugendlicher. In den Jahren vor 1933 war mein Vater in Hagen Mitglied der KPD und aktiver Gegner der faschistischen Gefahr für Deutschland. Er verteilte Flugblätter gegen die Nazis in einem Polizei-Ausbildungslager. Ende 1932 wurde er dabei verhaftet und im März 1933 wegen Hochverrats zu eineinhalb Jahr Gefängnis verurteilt. Nach der „Strafverbüßung“ wurde er Ende 1934 - aus der Haft entlassen. Zu den Genossen der KPD in Hagen hatte er wieder Kontakt und spendete eine 1,50 Mark für die „Rote Hilfe“, eine Hilfsorganisation für inhaftierte Genossen und ihre Familien. - Am 27. Mai 1935 wurde er mit vielen anderen Genossen nachts erneut verhaftet. Meine Mutter lag im Krankenhaus, meine ältere Schwester war bei Verwandten, mich ließ die Polizei - mit vier Jahren - nachts allein in der Wohnung zurück. Am nächsten Tag erfolgte die Überführung der Verhafteten nach Dortmund in die berüchtigte - „Steinwache“. Bei den Verhören konnte man meinem Vater nur die Spende für die - „Rote Hilfe“ nachweisen. Das reichte für ein neues Strafverfahren gegen ihn. Im September 1935 war der Prozess gegen 24 Angeklagte aus Hagen vor dem Oberlandesgericht in Hamm. Mein Vater wurde als „Wiederholungstäter“ zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt. Von Ende 1935 bis Dezember 1943 war mein Vater acht Jahre im Zuchthaus Münster in Haft. Auch Paul Claasen aus Solingen war dort lange inhaftiert. Kurz vor Weihnachten 1943 wurden sie mit einer großen Gruppe Häftlingen mehrere Wochen mit unbekanntem Ziel durch Deutschland transportiert. Mitte Januar 1944 kamen sie im KZ Mauthausen bei Linz in Österreich an. In den Begleitpapieren der Häftlinge stand: „RU“, das hieß, „Rückkehr unerwünscht“. Nach etwa acht Wochen wurden mein Vater und Paul Claasen in das Nebenlager KZ Ebensee überführt. Das KZ war 1943 in einer schönen Landschaft am Traunsee bei Bad Ischl auf Befehl der obersten SS-Führung für die Raketen - und Rüstungsproduktion errichtet worden. Die Häftlinge mussten in kurzer Zeit riesige Stollen in die Berge treiben. Im KZ -Ebensee waren von 1943 bis 1945 mehr als 27.000 Häftlinge aus vielen Ländern in Haft, ca. 8.400 von ihnen sind durch die schwere Arbeit beim Stollenbau durch Unfälle, Hunger und Krankheit gestorben oder wurden von der SS direkt ermordet. Mein schwer erkrankter Vater hätte ohne die Hilfe von Paul Claasen, -der im Krankenrevier arbeitete, - das KZ nicht überlebt. Am 6. Mai 1945 wurde das KZ Ebensee von der amerikanischen Armee befreit. Paul Claasen und mein Vater sind nach der Befreiung aus dem KZ von Ebensee zu Fuß in ihre Heimat Solingen bzw. Hagen zurückgekehrt. Als mein Vater 1933 zum ersten al verhaftet wurde, war ich drei Jahre alt. Als er 1945 krank zurück kam, war ich 15. Wurde ich als Kind gefragt, wo mein Vater war, hatte ich darauf keine andere Antwort als „Er ist tot.“ Diese traumatischen Erlebnisse, die mein Leben mit prägten, möchte ich den nachfolgenden Generationen ersparen. Auch deshalb spreche ich heute hier. Die 1945 aus den KZ-Lagern, Zuchthäusern und andern Folterstätten befreiten Häftlinge, die Menschen vieler Länder, wollten ein neues Leben ohne Krieg und Faschismus. Ihre Forderung war eine harte Bestrafung der Verantwortlichen und der an den Verbrechen beteiligten Nazis. Die Nachkriegsgeschichte verlief leider anders. Viele SS-Offiziere und Naziverbrecher sind mit Hilfe der US-Geheimdienste und des Vatikan über die sogenannte „Rattenlinie“ ihrer Strafe entgangen. Sie fanden Unterschlupf in den USA oder in südamerikanischen Ländern. Ihrer Ausbildung in der SS entsprechend wurden sie dort wieder tätig. Aber auch in der „alten Bundesrepublik“ waren nach 1945 Nazis führend tätig. Kein Richter, der in den Jahren der Nazidiktatur, Angeklagte zum Tode oder zu langjährige Haftstrafen verurteilte, wurde bestraft oder aus seinem Amt entfernt. Der in Hamm und anderen Gerichten bis 1945 verantwortliche Staatsanwalt Hubert Schrübbers war ab 1956 Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz. Der SS–Offizier Reinhard Gehlen war vor und nach 1945 Leiter der - Auslandgeheimdienste, zum Beispiel des BND. In der Industrie, in Politik und Verwaltungen, in Schulen, Polizei und der Bundeswehr waren SS-Leute oder Offiziere der faschistischen Wehrmacht und Nazifunktionäre in führenden Positionen beschäftigt. Ihre faschistische Überzeugung, gaben sie an junge Menschen weiter. In der Endphase des faschistischen Krieges wurden, so wie hier am Wenzelnberg, Tausende Menschen ermordet. Von den vielen Mordstellen in Deutschland, nenne ich nur zwei Orte: Dortmund, Rombergpark: Vom 7. März bis 12. April 1945 wurden dort 300 deutsche und ausländische Menschen erschossen. Hagen, Steinbruch -Donnerkuhle: Anfang April 1945 wurden zwölf sowjetische Zwangsarbeiter, am 12 April 1945 zwölf Häftlinge aus Hagener Gefängnissen dort ermordet. Auch der Antifaschist August Schumacher aus Wermelskirchen wurde in der„Donnerkuhle“ von der Gestapo erschossen. Von den beteiligten Verbrechern dieser Endfasenmorde wurde nach 1945 fast keiner bestraft. Wir verfolgen mit großer Sorge, dass neofaschistische Aufmärsche und Provokationen zunehmend das Straßenbild unserer Städte bestimmen. Sorge bereiten uns auch die Mordtaten der Neonazis. Nach aktuellen Berichten der Amadeu-Antonio-Stiftung, gibt es seit 1990 über 200 Todesopfer in Deutschland. Von der Bundesregierung wurden diese auf „nur 58“ herunter manipuliert. Eine unhaltbare Situation ist es, dass, statt gegen Neofaschisten wegen Verbreitung faschistischer Propaganda zu ermitteln, gegen junge Menschen ermittelt wird, die sich den Neonazis in den Weg stellen. Es ist nicht zu verstehen, dass am 8. 12. 2010 das Bundesverfassungsgericht ein Publikationsverbot für die „Verbreitung rechtsextremistischen oder nationalsozialistischen Gedankenguts“ ablehnte und mit der Verletzung des Grundrechts auf Meinungsfreiheit begründete. Fast unglaublich ist, dass das NRW-Innenministerium an Schulen eine Broschüre verbreiten lässt, in der die Losung der VVV-BdA „Der Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen!“ als Aufforderung zum Gesetzesbruch diffamiert wird. - Damit würden wir dem politischen Gegner demokratische Rechte absprechen. Ein Skandal ist es, dass der gültige Artikel 139 des Grundgesetzes, wonach alle Nachfolge- und Tarnorganisationen der NSDAP zu verbieten und aufzulösen sind, keine Anwendung findet. Wir verstehen nicht, dass Bemühungen, die neofaschistische NPD zu verbieten, von der Bundesregierung sorgsam umgangen wird. 175.000 Unterschriften für ein NPD-Verbot vermodern seit Jahren im Keller des Bundestages. Uns bereitet es große Sorge, dass Ausländerfeindlichkeit, Rassismus, Antisemitismus und Militarismus bereits in der Mitte unserer Gesellschaft angekommen sind. Wir haben kein Verständnis für die Zulassung neofaschistischer, rassistischer und ausländerfeindlicher Parteien zu den Landtagswahlen in NRW. Deshalb möchten wir hier und heute statt eines stillen Gedenkens protestieren gegen die staatliche Duldung faschistischer Propaganda und dem Polizeischutz neofaschistischer Aufmärschen Das sind wir den hier beigesetzten 71 Toten schuldig. Wir übersehen nicht, dass der Widerstand gegen neofaschistische Aktivitäten bei uns politisch und weltanschaulich größer geworden ist. Viele, vor allem junge Menschen, beteiligen sich an Kundgebungen gegen Neofaschisten. In immer mehr Städten gibt es Bündnisse gegen rechtsradikale Gruppen. Aber: Die rechtsradikale Gruppe Pro NRW will dieses Jahr am 1. Mai in Remscheid, Solingen, Wuppertal und anderen Städten mit ausländerfeindlichen, neofaschistischen Parolen demonstrieren. Die friedlichen Maikundgebungen der Gewerkschaften sollen gestört werden. Von den Behörden und der Polizei verlangen wir ein Verbot dieser provokativen Demonstrationen. Wie lange wollen die verantwortlichen Politiker dem Treiben der Neofaschisten noch untätig zusehen? Müssen noch mehr Straftaten und Morde geschehen, bevor reagiert wird? Das können und wollen wir nicht weiter dulden. Die „Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes, Bund der Antifaschisten“ fordert seit vielen Jahre das Verbot der NPD und anderer neofaschistischer Organisationen. Gemeinsam mit allen Gegnern der Neofaschisten müssen wir diese Verbote erreichen. Mit einem Zitat aus dem Schwur der befreiten Häftlinge des KZ Buchenwald möchte ich meine Ausführungen beenden: „Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens ist unser Ziel. Das sind wir unseren gemordeten Kameraden und ihren Angehörigen schuldig.“ Von der Verwirklichung dieses Schwurs, sind wir in der Bundesrepublik Deutschland, noch weit entfernt."

Chronist am :

In diesem Jahr jährt sich das Ende des Zweiten Weltkrieges zum 70. Mal. In den Wochen und Monaten vor Ende des Krieges wurden von den Schergen der Nationalsozialisten noch zahlreiche Verbrechen verübt, die so menschenverachtend wie sinnlos waren und uns eigentlich immer wieder darin bestärken müssen, dummen wie gefährlichen Rufen nach einem "Schlussstrich" unter das Geschehene geschlossen und entschlossen entgegen zu treten. Eines dieser Verbrechen ereignete sich heute vor 70 Jahren, am 13. April 1945 in unmittelbarer Nachbarschaft zu Remscheid. Damals wurden 71 Inhaftierte aus der Justizvollzugsanstalt Lüttringhausen in der Wenzelnbergschlucht bei Langenfeld von den Nationalsozialisten ermordet. Die Gedenkfeier hierzu findet am kommenden Sonntag, 19. April, um 11 Uhr in der Wenzelnbergschlucht statt. Die Remscheider SPD hat ihre Mitglieder eingeladen, zahlreich und mit vielen Fahnen an dieser Gedenkstunde teilzunehmen. Gemeinsamen Treffpunkt ist am Sonntag um 10 Uhr das Haus der SPD-Geschäftsstelle am Ebertplatz.

Johann Max Franzen am :

Hallo Herr Kaiser, auf dem "Waterbölles" ist Verlass. Sie erinnern jedenfalls, dass vor 70 Jahren, 71 Inhaftierte aus dem Zuchthaus Lüttringhausen in der Wenzelnbergschlucht ermordet wurden. Ich werde am 19. April 2015 bei der Gedenkfeier dabei sein.

Haymo Wimmershof am :

Gestern, am 25. Juni, habe ich im Zusammenhang mit der Recherche zum Verbleib meines Großvaters Hans Paul Wimmershof durch das Stadtarchiv Langenfeld erfahren, dass er zu den 71 Opfern des NS-Verbrechens am Wenzelnberg gehört. Zuerst war ich fassungslos über dieses Ergebnis meiner Recherche. Diese ganze Angelegenheit war mir vorher völlig unbekannt. Im Frühjahr 2015 habe ich bei Sichtung von Familienunterlagen festgestellt, dass sich die Spur meines Großvaters Anfang der 1940er Jahre in Wuppertal verliert. Ich erfuhr dann über das Stadtarchiv im Wuppertal, dass er 1943 ein zweites Mal geheiratet hat und dann nach Wesel verzog. Durch das Standesamt in Wuppertal teilte man mir dann auf meine Anfrage mit, dass er 1945 in Langenfeld verstorben sei. Weitere Informationen bekam ich nicht. So setzte ich mich dann mit dem Standesamt in Langenfeld in Verbindung, welches meine Anfrage an das dortige Stadtarchiv weitergab. Von dort bekam ich dann gestern das Vorgenannte schriftlich mitgeteilt. Können Sie mir bei der Klärung der Einzelheiten zum Schicksals meines Großvaters weiterhelfen, in welchen Gefängnis war er, warum war er dort, was ist aus seiner zweiten Frau geworden und gibt es Akten, die eingesehen werden können?

Chronist am :

Beim Waterbölles ging heute eine E-Mail von Gisela Courduff aus Amerika ein, bestimmt für Haymo Wimmershof: „Hallo Haymo Wimmershof, ich bin die Tochter der zweiten Frau von Hans Wimmershof. Ich wohne in Amerika. Ich versuche, Deine Fragen zu beantworten!“ (gisela.courduff@yahoo.com)

Johann Max Franzen am :

Hallo Herr Wimmershof, aus meinen Unterlagen geht hervor, dass von den 71 am 13. April 1945 in der Wenzelnbergschlucht ermordeten Häftlingen 60 aus dem Zuchthaus Lüttringhausen, vier aus dem Gefängnis Wuppertal-Bendahl und vier (Zwangsarbeiter) aus dem Polizeigefängnis Ronsdorf stammten. Hinzu kamen drei Unbekannte. Es ist wohl anzunehmen, dass Ihr Großvater im Gefängnis Wuppertal-Bendahl inhaftiert war. Das Gefängnis existiert nicht mehr. Auf der Gedenkplatte in der Gedenkstätte ist der Name Hans Wimmershof aufgeführt.

Chronist am :

In diesem Jahr beginnt die Gedenkfeier für die Ermordeten in der Wenzeinbergschlucht am Mahnmal Wenzelnberg am 17. April um 11 Uhr (Treffen um 10.30 Uhr am Parkplatz des Hotel Gravenberg). Es besteht Mitfahrgelegenheit ab Remscheid unter Tel.: 0171/41 81 864. Für den 5.April, 19 Uhr, lädt der VVN-BdA-Kreisverband Remscheid zu einer Buchvorstellung in die Zentralbibliothek an der Scharffstraße ein: In letzter Minute. „Nationalsozialistische Endphaseverbrechen im Bergischen Land“ von Lieselotte Bhatia und Stephan Stracke.

Francesco Lo Pinto am :

Auch die engagierte EMA-Geschichts-AG nahm am gestrigen Sonntag an der Gedenkfeier für die Opfer der SS am Wenzelnberg teil. Die Stadt Remscheid hatte für sie einen Bus organisiert. Frank Steffes, Bürgermeister der Stadt Leichlingen, eröffnete die Gedenkfeier vor rund 300 Besuchern: ,,Es ist wichtig, dass wir unsere freie, demokratische Gesellschaft bewahren. Man bekommt immer wieder das Gefühl, dass Rassistische-Gewalt zunimmt,'' betonte er. Auch Holger Kahle von der Solinger Kreisvereinigung der „Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten“ beleuchtete die hohe Zahl rassistisch-motivierter Gewalttaten gegen Geflüchtete. Gleichzeitig lobte er das Engagement der Jugendlichen, die sich für Aufarbeitung und das Gedenken unserer Geschichte engagieren und hob hervor, dass das Engagement der EMA-Schüler für die Gedenkstätte „Pferdestall“ hervor. Die Gedenkfeier endete mit dem gemeinsamen Lied „Die Moorsoldaten“, das von Häftlingen des Konzentrationslagers Börgermoor im Emsland geschrieben worden war.

Heinz Wäscher am :

Wenn man bedenkt, dass Frank Steffes aus Leichlingen, Tim Kurzbach aus Solingen und auch Burkhard Mast-Weisz Mitglied der Partei sind, die es Ende der 1990er Jahre zusammen mit Bündnis 90/Die Grünen als erste Bundesregierung vollbracht hat, sich 50 Jahre nach Gründung der Bundesrepublik Deutschland an einem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg im ehemaligen Jugoslawien beteiligt zu haben, mutet es schon ein wenig bizarr an, dass sich scheinbar niemand aus der SPD an Helmut Scharpings sog. „Hufeisenplan” erinnern und den dabei getöteten Zivilisten gedenken möchte. Zumindest Helmut Schröder war dann Jahre später doch so nett, die Beteiligung Deutschlands an diesem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg zuzugeben: (https://www.youtube.com/watch?v=ydLINQBOF1U) Dazu passt dann auch die 2017 unter Mithilfe der SPD durchgeführte Streichung des § 80 StGB.

Dirk Schaefer am :

Hallo Herr Wäscher,der §80 ist zwar aus dem StGB gestrichen worden,der Inhalt aber nicht verschwunden. Sie finden ihn jetzt als § 13 des VStGB wieder, allerdings in veränderter Form. Der Zusammenhang mit der Ermordung der Häftlinge durch die Nazis erschließt sich mir aber nicht!

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