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Gesamtschule ist kein Allheilmittel für notwendige Integration

Foto: Lothar Kaiser

Wie machtlos ist die Politik eigentlich, wenn es um Schule geht? In die Diskussion über eine dritte Gesamtschule in Remscheid, zu der der Türkische Elternverein Remscheid e.V. ins Haus des Türkischen Kultur- und Sportzentrums Remscheid e.V. an der Freiheitstraße eingeladen hatte, schlich sich diese Frage gestern Abend klammheimlich ein. Da berichtete Erden Ankay-Nachtwein, die Vorsitzende des Interkulturelle Erziehung e.V. (IKE), über eine Migrantenquote von zehn Prozent bei den Neuaufnahmen in die Sophie-Scholl-Gesamtschule - trotz eines doppelt so großen Migrantenanteils in der Stadt. Da wunderte sich ein türkischer Vater über zwei Parallel-Klassen in der zweiten Gesamtschule Remscheids, der Albert-Einstein-Schule: In der einen Klasse sei der Migranteneinteil sehr hoch, in der anderen dagegen sehr niedrig. Durchmischung sieht anders aus! Welche pädagogischen Gründe es dafür gibt – Stichwort „integrativer Unterricht“ – konnte während der gestrigen Diskussion niemand beantworten, auch nicht die Politiker auf dem Podium. Und Pädagogen, die es hätten wissen müssen, fehlten in der Runde. Der SPD-Fraktionsvorsitzende Hans Peter Meinecke, seit vielen Jahren Vorsitzender des städtischen Schulausschusses, beschrieb die Aufgabenverteilung zwischen Politik und Schule so: „Der Schulträger stellt die Räume zur Verfügung. Die Auswahl der angemeldeten Schüler/innen und die Zusammenstellung der Klassen ist Sache der Schulleiter und des Lehrerkollegiums!“ Nach welchen Kriterien? Antwort auf diese Frage gibt es vielleicht im Februar. Dann will der Türkische Elternverein mit Schulleitern weiterdiskutieren.

Salih Temizyürek, der Vorsitzende des türkischen Elternvereins. Foto: Lothar Kaiser

„Integration durch Bildung! Welche Wege wird Remscheid gehen? 3. Gesamtschule oder längeres gemeinsames Lernen?“, hatte Sahih Temizyürek (Foto links), der Vorsitzender des Elternvereins, die gestrige Podiumsdiskussion überschrieben. Im vergangenen Jahr seien in Remscheid 224 Jungen und Mädchen, die gerne eine der beiden Gesamtschulen besuchen wollten, abgewiesen worden: „Die Nachfrage ist groß, aber das Platzangebot gering! Und in den Jahren zuvor war es nicht anders!“ Integration, das ist für Sahih Temizyürek eine Frage der Bildung. Auf den Hauptschulen funktioniere Integration nicht - auch nicht mit mehr Geld. Weil die Ausbildungsbetriebe ein Imageproblem damit hätten, Hauptschulabsolventen anzustellen. “Es geht um die Zukunft unserer Kinder. Bildung ist unser Kapital und unsere Zukunft. Es reicht nicht aus zu sagen, man habe kein Geld für eine weitere Schule. Wir sagen: Für Bildung hat man Geld zu haben!“

Hans-Peter Meinecke relativierte zwar die von Sahih Temizyürek genannte Zahl der Abgewiesenen -  darunter seien auch 40 auswärtige Schüler/innen gewesen (bei Aufnahme von 30 auswärtigen) -, räumte aber ein, dass es für eine dritte Gesamtschule in Remscheid einen Bedarf gebe: „Der Elternwille ist entscheidend. Und der Wunsch der Eltern ist eindeutig; wir werden ihn erfüllen, sofern es möglich ist!“ Was sich hinter dieser Einschränkung verbarg, mussten die Zuhörer nicht erst nachfragen: „Ich persönlich war immer schon für die Gesamtschule, bin auch für eine dritte in Remscheid. Aber hier geht es um viel Geld!“ – Zwischenbemerkung von Jutta Velte, der bildungspolitischen Sprecherin der Grünen: „Remscheid ist die viertärmste Kommune im ganzen Bundesgebiet!“ – Folglich, so Meinecke weiter,  müsse die Politik in dieser Frage nicht nur mit der Schulaufsicht, sondern auch mit der Bezirksregierung und dem Schulministerium reden. „Wir müssen wissen, in welche Richtung wir überhaupt weiterdenken dürfen!“ Das werde hoffentlich im nächsten Frühjahr feststehen. „Erst dann kann die öffentliche Diskussion beginnen – mit den Eltern und mit den Lehrer/innen!“, antwortete Meinecke auf die Frage von Moderator Reinhard Ulbrich, ob beide Gruppierungen nicht sehr früh in die Überlegungen der Politiker eingebunden werden müssten. Am Anfang müsse zunächst die Datenerfassung stehen, betonten Meinecke und Velte gleichermaßen: „Wir müssen erst einen Fahrplan festlegen!“

Im Bild v. li. n. re. Reinhard Ulbrich, Waltraud Bodenstedt, Benjamin Becker, Erden Ankay-Nachtwein, Brigitte Neff-Wetzel, Hans Peter Meinecke und Jutta Velte. Foto: Lothar KaiserMeinecke erinnerte an die Gründung der beiden Remscheider Gesamtschulen vor 20, 22 Jahren.  Und an die „Kämpfe“ im Vorfeld. Eine gewachsene, traditionelle Schulstruktur könne man nicht mit der Brechstange ändern, griff Jutta Velte den Ball auf.  Und da müssten dann alle „an Bord“ sein: Politiker, Lehrer/innen und Eltern. „Und das ganz ideologiefrei!“ Brigitte Neff-Wetzel, bildungspolitische Sprecherin der Linken, widersprach da nicht. „Aber die Politik sollte ihren politischen Willen alsbald bekunden. Die dritte Gesamtschule ist dringend notwendig; wir sollten sie schnell in Angriff nehmen!“ – Jutta Velte mahnte zur Geduld: „Im nächsten Sommer werden wir noch keine neue Gesamtschule haben!“ – Neff-Wetzel: „Das Votum der Eltern ist schon seit Jahren sehr deutlich. Mit den abgewiesenen Kindern könnte schon längst eine dritte Gesamtschule gefüllt sein, sie würde schon gar nicht mehr ausreichen.“ - Hans Peter Meinecke dazu: „In den nächsten ein, zwei Jahren müssen wir sehr behutsam an einer neuen Struktur arbeiten!“

Erden Ankay-Nachtwein betonte das große Interesse vieler Eltern mit Migrationshintergrund an besseren Bildungschancen für ihre Kinder. Und da biete nun einmal eine Gesamtschule eine durchgängiger Sprachbildung bei längeren gemeinsamem Lernen. Unterstützung kam von Gerda Spaan, der Vorsitzenden des Vereins „Die Verlässliche e.V.“. Raumprobleme im Zusammenhang mit einer dritten Gesamtschule könne sie ja noch verstehen, aber wie viele Eltern habe sie die Sorge, dass aus ein, zwei Jahren schließlich doch zehn würden. Denn dass eine bestehende Schule sich freiwillig selbst aufgebe, sei eher unwahrscheinlich. Ihr Appell an die Politik: „Es muss endlich was passieren!“

Für Ende Oktober hat der Vorsitzende des Schulausschusses zu einem interfraktionellen Treffen eingeladen, damit sich die Fraktionen auf die Daten verständigen, die die Basis der künftigen Schulpolitik in Remscheid bilden sollen. Das Problem dabei, so Meinecke: Eine neue Schule gehe zu Lasten der bestehenden. Konkret: „Wir müssen erst einmal abklären, welche Schulgebäude überhaupt für eine dritte Gesamtschule in Frage kämen. Und: Eine neue Gesamtschule wird sechs Züge haben. Das sind fast 180 Schüler/innen pro Jahrgang. Die fehlen dann in den anderen Schulen!“ Mit anderen Worten: Eine neue Schule zu gründen bedeute, andere abschaffen zu müssen. Der Trend gehe zwar unverkennbar zur Gesamtschule. „Aber es gibt sehr wohl noch Eltern, die ihre Kinder lieber an einer Hauptschule anmelden Und Hauptschulen haben wir in Remscheid noch zu viele!“ Mit folgenden Ergebnis, wie Jutta Velte feststellte: „Remscheid hat im Landes- und im Bundesdurchschnitt zu wenige Abiturient/innen!“ Während beispielsweise Münster („aufgrund eines intensiven Bildungsbürgertums!“) auf eine Abiturientenquote von 70 Prozent komme, ergänzte Meinecke, läge Remscheid nur bei 37 bis 40 Prozent. Und da seien zweiter Bildungsweg und Berufskollegs schon eingeschlossen. Es klang fast resignierend: „Wir haben eben eine andere Struktur als Münster!“

„Ist die Gesamtschule der Königsweg?“, wollte Reinhard Ulbrich von den Parteienvertretern auf dem Podium wissen. Bei Benjamin Becker (FDP) und Waltraud Bodenstedt (W.i.R.)  klang eher ein Nein durch. „Bildung insgesamt“ sei der richtige Weg, so Becker. Etwa in Form der Gemeinschaftsschule, so Bodenstedt. Nicht zu vergessen: kleinere Klassen und eine Entrümpelung des Unterrichtsstoffes. Das ändere aber nicht an der Tatsache, bemerkte Brigitte Neff-Wetzel, dass die meisten Abiturienten mit Migrationshintergrund von Gesamtschulen kämen. Sie war die vehementeste Verfechterin dieser Schulform.

Die Bedeutung der Grundschulen dürfe man in diesem Zusammenhang nicht verkennen, betonte Meinecke. Von der dort geleisteten Arbeit hänge es ab, ob „die Schüler später in den weiterführenden Schulen klar kommen“. Defizite der Grundschulen ließen sich später kaum noch ausgleichen. Worauf sich Jutta Velte bemüßigt fühlte, eine Lanze für die Grundschulen in Remscheid zu brechen: „Sie leisten gute Arbeit!“

In puncto „Gemeinschaftsschule“ bestand zwischen der Grünen-Fraktionsgeschäftsführerin  und dem SPD-Fraktionsvorsitzenden dann aber wieder Einigkeit: An eine bestehende Schule, auf eigenen Antrag zur „Gemeinschaftsschule“ erklärt, ließe sich eine Oberstufe sicherlich anschließen. Die Botschaft: Aus einer Haupt- und einer Realschule könnte auf diesem kleinen Umweg vielleicht schneller ein neues Schulangebot in Remscheid entstehen als durch mühsamen „Kampf“ für eine dritte Gesamtschule. Hans Peter Meinecke: „Schule ist das Interessanteste, aber auch das Schwierigste in der Kommunalpolitik!“

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Waterbölles am : Schule der Zukunft: "Verhandeln, bis weißer Rauch aufsteigt!"

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Schon in der ersten Schul-Diskussion beim Türkischen Kultur- und Sportzentrums Remscheid e.V. an der Freiheitstraße Anfang Oktober 2010 erntete der SPD-Fraktionsvorsitzende Hans Peter Meinecke, seit vielen Jahren Vorsitzender des städtischen Schulausschus

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Kommentare

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Chronist am :

In der „Bürger-Fragestunde“ zu Beginn der heutigen Ratssitzung erweiterte Sahih Temizyürek die Forderung des Türkischen Elternvereins nach einer dritten Gesamtschule in Remscheid alternativ um den Modellversuch einer „Gemeinschaftsschule“. Diese müsste dann aber kostenneutral sein, wandte Stadtdirektor Burkhard Mast-Weisz ein und fuhrt fort, bislang gebe es noch keinen entsprechenden Antrag einer bestehenden Schule. Für die CDU erklärte Kai Kaltwasser: „Die Politik will wissen, was gewünscht wird, aber auch, was finanziell machbar ist.“

Lothar Kaiser am :

Wenn die Fraktionen demnächst über die "Datenbasis" der Remscheider Schulentwicklungsplanung reden, sollten sie sich auch für die Antwort auf folgende Frage interessieren: Wie viele von den 224 Jungen und Mädchen, die an den beiden Gesamtschulen angewiesen wurden, brachten tatsächlich die Empfehlung der Grundschule für eine Oberschule mit? Am Rande der heutigen Ratssitzung erfuhr der Waterbölles, eine diesbezügliche Statistik existiere gar nicht.

Eija Tirkkonen am :

Im Pisa-Siegerland Finnland gibt es nur das Gesamtschulsystem. Die Strukturänderung war langwierig mit vielen Korrekturen - und keinesfalls kostenneutral. Sie ging einher mit der Änderung der Zuständigkeiten zugunsten kommunaler Selbstbestimmung und Änderung der Ausbildung sowohl der Grundschullehrer als auch der Kindergärtner als Hochschulstudium. Das war 1973. Am Anfang wurden die Schüler in mindestens drei unterschiedlichen Leistungsstufen eingegliedert und unterrichtet. Sehr schnell erkannte man jedoch, das Kinder aus bildungsfernen Schichten überdurchschnittlich oft die unterste Leistungsstufe wählten. Die von da an sozial gemischten Gruppen wurden kleiner, und der Lehrer hatte Anspruch auf einen zweiten Pädagogen in der Klasse für Problemfälle. Damit wurde das Ziel erreicht, sowohl die Schranken zwischen den sozialen Schichten zu überbrücken, als auch die hohe Qualität der Ausbildung zu gewährleisten. Die Qualität der Schulen wird jährlich durch eine öffentliche Rankingliste allen Eltern transparent gemacht. Im direkten Vergleich entspricht die reduzierte Version einer deutschen Gesamtschule den unteren Leistungsstufen der frühen finnischen Gesamtschule, während die oberste Leistungsstufe das Gymnasium bleibt. Dadurch wird die Trennung der sozialen Schichten im deutschen Bildungssystem noch verstärkt. Die Chancengleichheit bleibt ein hehres unerreichtes Ziel. Dafür wird an Qualität eingebüßt. Die Kinder mit Migrationshintergrund lässt man am Ende der Grundschule scheitern. Sie scheitern zum einen an der fehlenden effizienten Sprachförderung und zum zweiten an der Tatsache, dass bei der Lehrerempfehlung zur weiterführenden Schule der familiäre Hintergrund eine Rolle spielt. Dem Lehrer wird zugemutet, die Familie des Schülers einzuschätzen, wie weit das Kind bei der schulischen Leistung von den Eltern unterstützt werden könnte. Das ist kontraproduktiv für Chancengleichheit. Schulzwang heißt nicht, im Unterricht auszuharren, sondern Anspruch auf Bildung. Eine effektive Sprachförderung kann man schon morgen haben, und zwar ohne dass man eine großangelegte Strukturänderung der Schullandschaft einführen müsste.

Fritz Beinersdorf am :

Sehr geehrte Frau Tirkonnen, vielen Dank für ihren Diskussionsbeitrag. Ihre Erläuterungen zur Gesamtschule anhand des „finnischen Modells“ sind wertvoll. Ich wünsche mir, dass sie bei den verantwortlichen Bildungspolitikern in unserer Stadt und darüber hinaus auf fruchtbaren Boden fallen. Nicht zuletzt aufgrund der leeren Kassen wird allerdings das Kostenargument von einigen Politikern über alle Maßen strapaziert. Diese Damen und Herren sollten aber bedenken, dass jeder Euro, der heute in Bildung investiert wird, morgen mit Gewinn wieder zurückfließt. Wenn dagegen Geld heute bei der Bildung eingespart wird, bedeutet das für die Zukunft einen Verfall des wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Lebens.

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