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Über ein fragwürdiges Verständnis von Ehre

"Ihre Freiheit - seine Ehre" hieß die Postkarten-Kampagne der Landesregierung, die vor drei Jahren ein Zeichen setzen sollte gegen die Entmündigung junger Frauen im Namen eines fragwürdigen Ehrverständnisses. Ein Jahr zuvor, am 22. Februar 2006, hatte der Waterbölles berichtet, dass Zwangsehen auch in Remscheid ein Problem seien. Darauf hatten damals die Remscheider Gleichstellungsbeauftragte Christel Steylaers und Petra Hafele von der Frauenberatungsstelle Lennep aufmerksam gemacht. Und heute? Belastet ein fragwürdiges Verständnis von Ehre nach wie vor das Zusammenleben von Deutschen und Türken – von Deutschen und Migranten? - „Man muss darüber reden“, meint Christel Steylars und lud deshalb im Namen des Remscheider „Tisches gegen häusliche Gewalt“ vier türkische und deutsche Schauspieler/innen des „Freien Werkstatt Theaters Köln“  nach Remscheid ein, um im Forum Hackenberg das Theaterstück „Wegen der Ehre“ / „Namus için“ aufzuführen. Seit seiner Premiere am 11. Dezember 2005 in deutscher und am 20. März 2006 in türkischer Sprache hat das Stück nichts von seiner Aktualität und Brisanz verloren. Das zeigte sich gestern Abend auch an der anschließenden Diskussion zwischen den Schauspielern und dem Publikum, zu dem auch zahlreiche Jugendliche mit Migrationshintergrund gehörten.

Im Februar 2005 wurde in Berlin die 23-jährige Türkin Hatun Sürüçü von ihren Brüdern wegen ihres vermeintlich unehrenhaften Lebenswandels erschossen. Schüler der Neuköllner Thomas-Morus-Oberschule begrüßten den „Ehren“-Mord damals öffentlich und beleidigten und provozierten islamische Mitschülerinnen, die kein Kopftuch tragen wollten.  Für die Schauspielerin Sema Meray (Foto links), in der Türkei geboren und in Deutschland aufgewachsen („zwischen zwei Welten balancierend“), war der Tod von Hatun Sürüçü der Anstoß, das Theaterstück „Wegen der Ehre“ zu schreiben. Sie hatte sich nach dem Mord gefragt, wie groß der gesellschaftliche Druck in allen (!) Kulturen sein und zu was er führen könne. „Können wir nur zuschauen, oder gibt es eine Möglichkeit, daran etwas zu ändern?“

Zum Inhalt: Die in Deutschland geborene Türkin Yale (gestern gespielt von Sema Meray)  hat sich von ihrem Ehemann getrennt und bezieht mit ihrer 16-jährigen Tochter Yasemin (Lilli Hollunder) gegen den Willen ihrer Familie eine eigene Wohnung. Ihr Vater Zafer (Vedat Erincin) empfindet das als Schande für die ganze Familie. Und auch Bruder Murat (Aydin ışık), meint (obwohl seine Freundin eine Deutsche ist), seine Schwester könne nicht alleine wohnen wie eine deutsche Frau („Du bist doch keine Hure!“). Der Vater: „Ehre ist das Einzige, was bleibt in einem fremden Land!“ – Die Tochter: „Hast Du an Mutters Ehre gedacht, als Du mit deutschen Frauen geschlafen hast?!“ – Vater und Bruder: „Was Deutsche sagen, ist egal, aber was türkische Landsleute über unsere Familie reden …!“ Die Ehre, die Vater und Sohn gewahrt wissen wollen, ist die der Familie, ist die der männlichen Familienmitglieder, denn sie bestimmen die Familien- und Werteordnung.

Beifall für das Ensemble nach der Aufführung. Foto: Lothar KaiserIn einer islamisch geprägten Kultur „hat eine Frau selbst keine Ehre“, steht in dem Begleitheft zum Stück, das gestern verteilt wurde. Indem eine Frau die ihr auferlegten Verhaltensregeln verletze, beflecke sie nach dieser Werteordnung die Ehre ihrer männlichen Verwandten. Eine Werteordnung, mit der im Stück Tochter Yasemin und Yales deutsche Freundin Bea (Lena Sabine Berg) abrupt konfrontiert werden, als Murat seine Schwester schlägt und der Vater plötzlich eine Pistole zieht. Ein Verständnis von Ehre, das aber nichts mit Religion zu tun habe, so der Text des Begleitheftes, ohne dies näher auszuführen, sondern „mit der Gesellschaft, in der die Täter und ihre Opfer leben“.

Die anatolische Dorfgemeinschaft mitten in einer deutschen Großstadt?? „In der Gesellschaft, in der wir leben, muss man Konflikte anders lösen“, sagte gestern in der Diskussion mit dem Publikum die Autorin Sema Meray. Und sie meinte damit die Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland. Nach dem „Ehren“-Mord an Hatun Sürüçü habe der Berliner MaDonna Mädchenkult.Ur e.V., ein Verein zur Wahrung der Menschenrechte, eine Postkarte aufgelegt, die zwei junge türkische Männer vor zwei jungen Frauen zeige, darunter der Satz "Ehre ist, für die Freiheit meiner Schwester zu kämpfen". Ob er sich unter jungen Männern mit Migrationshintergrund in den vergangenen fünf Jahren herumgesprochen hat? Die gestrige Diskussion lieferte darauf keine klare Antwort. Auch nicht zur Rolle der Religion. Erinnern wir uns: "Wir dürfen nicht wegschauen, wenn junge Frauen durch Druck, Repressalien oder sogar körperliche Gewalt zu einer bestimmten Lebensführung gezwungen werden“, hatte vor drei Jahren Minister Laschet im Zusammenhang mit „Ihre Freiheit – seine Ehre“ betont. Und: "Die Gleichberechtigung von Frau und Mann ist - wie andere Grundwerte unserer Gemeinschaft - nicht verhandelbar!“  

Das sah der junge Türke zwei Reihen hinter mir gestern Abend wohl ein wenig anders. Gewiss, wie einige junge Frauen, die sich zuvor zu Wort gemeldet hatten, bezeichnete er die auf der Bühne beschriebene Situation als übertrieben: „Das gilt vielleicht noch für die Großeltern, die aus der Türkei kamen." Doch wo aus seiner Sicht (oder aus der Sicht des Vorbeters in der Moschee) die Frauen zu stehen haben und wo die Männer, hätte der folgende Dialog mit  Sema Meray nicht plastischer verraten können:

„Hast Du Geschwister?“ - „Ja, zwei ältere Schwestern“. – „Was macht Du, wenn Du eine Schwestern in der Stadt vertraulich zusammen mit einem deutschen Jungen stehen siehst?“ – „Zunächst nichts. Ich will sie ja nicht in Verlegenheit bringen. Aber zu Hause werde ich dann mit meinem Vater reden. Und dann werden wir gemeinsam mit meiner Schwester reden.“ – „Warum darf denn Deine Schwester nicht alles, was Du darfst?“ – „Das hat was mit dem Koran zu tun.“ – „Du liest den Koran?“ – „Ja.“ – „In welcher Sprache, auf Deutsch oder auf Arabisch?“ – „Auf Arabisch.“ – „Du kannst arabisch lesen?“ – „Nein.“ – „Wer sagt Dir dann, was da steht?“ – „Der Hodscha.“

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