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Letzter Protest gegen die Schließung der Honsberg GmbH

Die Geschäftsleitung ließ sich nicht blicken, und die Lokalpresse (incl. Kamerateam der WDR Lokalzeit aus Wuppertal) hatte „Hausverbot“, als heute um 12 Uhr die Rest-Belegschaft der Honsberg GmbH in Remscheid-Hasten, Hersteller von Sonderwerkzeugmaschinen für die Automobilindustrie, bei dichtem Schneetreiben vor den Werktoren ein letztes Mal gegen die Schließung des traditionsreichen Betriebes protestierte. Die übrigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter waren am offiziell letzten Arbeitstag gleich Zuhause geblieben; der Chef hätte ihnen auch keine Arbeit mehr anbieten können. „Ich bin entsetzt, wie hier mit Menschen umgegangen ist, wie man hier in kürzester Zeit Fakten geschaffen hat“, sagte der SPD-Bundestagsabgeordnete Jürgen Kucharzyk. Er war zu dieser „Beerdigung“ erschienen, die im 14 Uhr mit der letzten Betriebsversammlung von Honsberg Lamp endete.

Es war die letzte Rede von Werner Kölling als Betriebsratsvorsitzender der Honsberg GmbH, doch es war, wie er bekannt, „auch die schwerste in meinem Leben“. Kölling gehört zu den „Altgedienten“. 1962 kam er als Lehrling in das Unternehmen, damals noch „Gebrüder Honsberg“, und seitdem hat er viele Chefs erlebt. Das begann 1972 mit dem Verkauf an die DIAG. Mitte der 80er Jahre folgte als Alleineigentümer ein Herr Ocker („Der wollte immer schon mal eine Maschinenbaufirma besitzen“), doch der hatte an Honsberg nicht lange Freude. Im Jahre 1986 kam der neue Chef im einer Werkhalle von VW auf tragische Weise ums Leben – ausgerechnet in einer von Honsberg gebauten Transferstraße.

Nach Ocker kam die Moon-Sekte. Die sah sich von den deutschen Automobilfirmen boykottiert und fortan in Russland und Asien nach neuen Kunden um. Werner Kölling: „Bis zu diesem Zeitpunkt wurde immer noch in die Entwicklung und damit in unsere Zukunft investiert“. Das änderte sich, als Sektenführer Moon seinen deutschen Firmen 1995 den Geldhahn zudrehte. Es folgte der Konkurs von Gebrüder Honsberg und die Übernahme der „Konkursmasse“ durch „Western Atlas“. „Von nun an ging’s bergab“, sagte Kölling heute Nachmittag. Und jeder der Anwesenden wusste, was gemeint war. Personalabbau und Lohnverzicht. Von 1995 bis heute musste die Belegschaft sieben Sozialpläne erdulden. Outsourcing sei bis zum Exzess betrieben worden, kritisiert der Betriebsratsvorsitzende. Weg mit der Abteilung „Mechanische Fertigung“, weg mit Elektro-, Blech- und Rohrschlosserei, weg mit der Arbeitsvorbereitung. Die Entwicklungsabteilung, der „Hoffnungsträger“, bestand mal aus zehn Ingenieuren und Techniker. Übrig geblieben ist ein einziger. Werner Kölling: „Dadurch verlor das Unternehmen den technologischen Anschluss“.

Das wurde mit dem Verkauf an die Maxcor-Gruppe unter Finanzinvestor Mo Meidar eher noch schlechter als besser. Werner Kölling: „Finanzinvestoren schrien im vorigen Jahr auf, als die Politik von Aussaugern und Heuschrecken sprach. Doch die Firmen Honsberg, Barmag und Edscha sind das beste Beispiel dafür, dass der Begriff den Nagel auf den Kopf trifft“.

Mit der Politik ging der Betriebsratsvorsitzende heute vor und hinter dem Werkstor hart ins Gericht. Die hätte „durch Gesetze doch eine menschenverachtende Geschäftspolitik überhaupt erst möglich gemacht“. Und ein Umdenken sei trotz des Verlustes an know how und an Arbeitsplätzen leider nicht erkennbar.

Zuletzt hatte die Belegschaft nur noch die Alternative „Konkurs oder Sozialplan“. Innerhalb von sieben Tagen mussten sich die Arbeitnehmer entscheiden. Das sei „erpresserischer Druck“ gewesen, wurde heute Mittag vor dem Werkstor geschimpft. Motto der Firmenleitung sei gewesen, in kürzester Zeit mit größtmöglicher Effektivität die kostensparendste Lösung durchzusetzen. Kölling: „Es ist ein Elend zu sehen, was durch Fehler durch Fehler des Managements aus einem einstmals weltbekannten und in der Technologie führenden Unternehmen geworden ist“.

Der "erzwungene Sozialplan" sieht so aus: Von den 173 Mitarbeitern gehen 109 – die meisten davon älter als 50 - für drei bis zwölf Monate (abhängig von der Betriebszugehörigkeit) in eine Transfergesellschaft (bei 15 Prozent weniger Nettoeinkommen). 64 werden übernommen. Ein Drittel davon „irgendwo in Deutschland“, denn an deutschen Tochterfirmen mangelt es Maxcor nicht. Zwei Drittel können weiter für Honsberg arbeiten - in Witten-Annen. Dort gibt es die Firma Hüller-Hille. Die konkurrierte mit Honsberg – heute gehört sie ebenfalls zu Maxcor. In Witten-Annen soll der Name „Honsberg“ (vorläufig?) fortbestehen. Mit einer Ersatzteil-, Service- und Kurbelwellenabteilung.

Da heißt es dann für 30 bis 40 „Honsberger“ künftig „Pendeln“. Auch für den Betriebsratsvorsitzenden Werner Kölling. Denn sein Anwalt konnte der Geschäftsleitung klar machen, dass ein Betriebsrat nur dann „gestrichen“ werden kann, wenn der Betrieb nicht weitergeführt wird. Fast hätte sich Kölling dafür heute Nachmittag bei seinen Kolleginnen und Kollegen entschuldigt.

Denn die Zukunft derjenigen, die nun für maximal ein Jahr „geparkt“ werden, ist alles andere als rosig angesichts der allgemeinen Arbeitsmarktlage. „Und die Politik hat das Ganze noch verschlechtert“, machten heute Mittag Kölling und andere Beschäftigte ihrem Ärger Luft. Bei Abfindungen gibt es keine Freigrenzen mehr; das muss vom ersten Euro an versteuert werden. Und Arbeitslosengeld gibt es auch nur noch für ein Jahr (bis 55 Jahre) bzw. anderthalb Jahre (ab 55 Jahre). Und danach? Hartz IV! Denn wer hat als normaler Arbeitnehmer schon so viel gespart, um davon zehn Jahre lang leben zu können.** Mo Meidar hätte da gewiss keine Probleme.

** Aus dem Armutsbericht der Stadt Remscheid: "Darüber hinaus können durch Arbeitslosigkeit der soziale Status und soziale Beziehungen in Frage gestellt werden, physische und psychische Krankheiten ausgelöst werden. Nach einer Studie des Robert-Koch-Institutes steigt gar das Sterberisiko kontinuierlich mit der Dauer der Arbeitslosigkeit."

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waterboelles.de am : Sechs Azubis suchen eine neue Stelle

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Roman Herzog, von 1994 bis 1999 deutscher Bundespräsident, hat einmal gefordert, es müsse „ein Ruck durch Deutschland“ gehen. Ich wünsche mir, die Remscheider Unternehmer würde es hier und jetzt ähnlich durchzucken. Die haben keine Kunstnamen wie „Maxcor“

Kommentare

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Chronist am :

Rainer Kimpel schrieb dem Waterbölles heute zu obigem Beitrag: "Ein Kurzfilm über die Produktionspalette der Firma Gebrüder Honsberg nebst sozialkritischer Anmerkungen wurde in https://youtu.be/Iye1P1deahE von uns veröffentlicht. Ihrem interessanten Beitrag ist nichts mehr hinzuzufügen! Vielen Dank."

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