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"Gutmenschentum ist doch nicht das Schlechteste!"

Bernd Buchnervon Bernd Buchner

Es gehört zu den beschämenden Kapiteln der deutschen Sprachgeschichte, dass der Begriff "Gutmensch" als Schimpfwort verwendet wird. Gemeint sind jene Frauen und Männer, die ihre Ideale noch nicht an der grauen Garderobe der Wirklichkeit abgegeben haben, die vielmehr geprägt sind von der "Sehnsucht nach einer besseren Welt". So auch der Titel von Anne Wills ARD-Talkshow am Sonntagabend, und im Mittelpunkt stand einmal mehr Margot Käßmann. Die ehemalige Bischöfin und Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) gilt als Idealtyp des Gutmenschen. Sie scheut nicht das offene Wort, legt den Finger in gesellschaftliche Wunden, schlägt Brücken von der Bibel in die Gegenwart. Wenn Käßmann etwa die Bergpredigt ("Selig sind die Sanftmütigen") gegen die Kriegsrhetorik in Afghanistan stellt, kommt das nicht bei allen gut an. Idealismus wird gerne als moralisch verseucht disqualifiziert und als naiv abgetan. Gestandene Männer verstehen sich darin besonders gut. Bei Anne Will waren dafür der Medienwissenschaftler Norbert Bolz und der FDP-Politiker Martin Lindner zuständig. Bolz, rotblaue Krawatte tragend und fortwährend die Sozialdemokratisierung der deutschen Politik beklagend, zeigte sich empört über das Gutmenschentum von Kirchenführern und deren "idyllische Vereinfachungen". Deren Ansichten sollten Privatsache sein. Zudem ritt Bolz eine heftige Pfarrerschelte; es sei doch "peinlich", wenn diese sich über Politik zu äußern versuchten.

Auch Lindner, der fast so häufig in TV-Talkshows zu sehen ist wie sein Namensvetter, der FDP-Generalsekretär, ließ sich genüsslich über jene Zeitgenossen aus, die mit erhobenem Zeigefinger verkündeten, was moralisch richtig sei und was nicht. Käßmann ist für ihn ein Paradebeispiel. Eine Exegese ihrer Bibelarbeit vom Dresdner Kirchentag ging dem liberalen Dandy allerdings gründlich daneben. "Selig sind die Herzensreinen" dürfe nicht zum Anspruch für praktische Politik werden, rief er in die Runde, was die Ex-Bischöfin kühl konterte: "Aber das ist Bibel, nicht Käßmann." Sie erinnerte an die DDR-Montagsgebete: Auch damals sei es gelungen, "mit Kerzen und Gebeten die Welt zu verändern". Wenn man keine unbequemen Fragen mehr stellen dürfe, sei es auch um die Demokratie schlecht bestellt. "Gutmenschentum ist doch nicht das Schlechteste", sagte Käßmann zu Beginn der Sendung. Und sprach, wie so oft, gelassen eine große Weisheit aus.  (Nachdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors. Bernd Buchner ist Redakteur bei evangelisch.de und zuständig für das Ressort Kirche + Religion.)

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Kommentare

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Armin Gerhardts am :

Der Vorwurf war doch nicht, dass unbequeme Fragen gestellt werden, wie kommt Bernd Buchner darauf? Der Vorwurf war, dass man auf hinreichend komplizierte Vorgänge in der Weltpolitik meint einfach(st)e Antworten zu haben, die natürlich, wie sollte es anders sein, schon in der Bibel stehen. Und genau diese Gestik trug Käßmann auch in die Sendung.

Nicole Rensmann am :

Tatsächlich möchte ich sogar behaupten, dass ohne "Gutmenschen" die Welt verdammt noch mal um einiges schlechter wäre! Danke für dieses kleine Statement!

Michael Dickel am :

Gibt es da nicht vielleicht einen Unterschied zwischen "guten Menschen" und "Gutmenschen"? Ich bewunder gute Menschen, erkenne sie auch als Vorbild an. Aber Menschen, die immer nur "gut reden" sind mir zuwider. Dazu zähle ich nicht nur die frommen Sprüche von Frau Käßmann - noch schlimmer sind einige Kommentatoren aus den Medien, die mit ihrer "unsagbaren Weisheit" alles schlecht machen können. Wohl gemerkt - nicht alle, aber leider immer mehr. Denn sowas kommt an, lässt sich vermarkten. Nehmen wir doch als Beispiel die "fensterlose Drogeriewand". Nun, da hat man sich doch schnell eine Meinung gebildet - nicht wahr? Aber wie viele Vorschriften und Gesetze für ein Bauvorhaben zu berücksichtigen sind, welche Rechte und Pflichten ein Bauherr hat - weiß das einer der "Kommentatoren" hier so genau? Doch ja - die "Gutmenschen".

Lutz E. Faßbender am :

Lieber Herr Buchner, sie schreiben hier genau das, was mir durch den Kopf ging, als ich die Sendung gesehen habe, DANKE. Und eines beweist die tägliche Praxis selbst in den komplexesten Zusammenhängen oft genug, oftmals sind es gerade die einfachen Antworten, die die guten Lösungen bringen, aber scheinbar vielen nicht akademisch genug. Wir sollten in vielen Dingen wieder lernen "einfacher" zu denken. Aber einige brauchen scheinbar ihr akademisches "Abgehobensein" auch, um den anderen zu zeigen, was für "vermeintlich" tolle Typen mit mega hohem Intellekt sie sind, so ähnlich wie die, die Ihre Potenz nach aussen durch die Größe ihres Motors darstellen. Mehr Käßmanns und weniger Lindners würden unserer Gesellschaft sehr gut tun.

Klaus Kowakowski am :

Im Gegensatz zu islamischen Ländern besteht in unserem Land die Trennung von Kirche und Staat. Die Diskutanten Lindner und Bolz nahmen das zum Anlass, der kirchlichen Protagonistin Zurückhaltung bei politischen Themen zu empfehlen. Eigentlich nichts anderes als die Äußerung einer unbequemen Meinung. Was ist daran in unserer Demokratie falsch? Allerdings ist es leider in unserer Demokratie überhaupt nicht einfach, unbequeme Fragen zu stellen, weil es zu viele Tabubereiche gibt. Angefangen von Heuchlern in Politik und Wirtschaft, die seit drei Jahren ungerührt Gewinne privatisieren und Verluste sozialisieren, bis hin zum schleichenden Verfall der Moral in unserer Gesellschaft, dann zum Tabu der Fremden- oder Frauenfeindlichkeit und weiter zur Inflation persönlicher Ansprüche, bis hin zum Versagen der Politik, die zum Verlust des Steuerungsmechanismus der Demokratie, dem Bürgerwillen, führt. Wer hätte denn bei einem Volksentscheid für die Einführung des Euro gestimmt? Wo sind die wahren Gutmenschen, die gegen die unaufhaltsame Verschuldung von Bund, Ländern und Gemeinden aufstehen, die dagegen einschreiten, dass sich erspartes Vermögen in Luft auflöst, dass Rentner, Arbeitslose und viele Arbeiter zu einem Lebensstandard auf Drittweltniveau verurteil werden? Wo sind die Gutmenschen, die sich dafür einsetzen, dass unser heutiges Geld nicht vernichtet und künftiges Geld nicht zu Lasten kommender Generationen verpfändet wird?

Felix Staratschek am :

Das Problem ist doch, dass der Gutmensch hier gar nicht definiert wird. Die nicht an der Garderobe abgegebenen Ideale können kein Kriterium sein, da Ideale auch sehr negativ sein können. Wer Macht und Durchsetzung seiner Interessen ohne Gemeinwohlbezug anstrebt, der hat auch Ideale. Und mit solchen Leuten hat man immer wieder zu tun, wenn man Politik macht. Das Wort Gutmensch scheint sich eher auf Szenen zu beziehen, wie sie im Theaterstück Biedermann und die Brandstifter vorkommen, wo die Mieter für die Wohnung nahe aeines brndgefährdeten Gasometers ungewöhnlich viel Benzin mitbringen. Auch der britische Außenminister Chamberlain dürfte mit seinem Münchener Abkommen in diese Kategorie der Gutmenschen gehören, indem er glaubte, einen blutrünstigen Diktator mit einer völkerrechtlich durchaus legitimen Grenzänderung zufrieden stellen zu können. Aber Hitler ging es nicht um die zulässige Selbstbestimmung einer Volksgruppe, sondern um Machtgewinn und die Schwächung eines anderen Staates, den er vernichten wollte. Ich habe gelernt, dass man, wenn man ein guter Mensch sein will - trotz immer vorhandener Fehler - man nicht alles einfach glauben soll und dass kritische Hinterfragen in allen Bereichen sehr dienlich ist. Fraglich ist, ob es den reinen Gutmenschen überhaupt gibt, eher wird es viele Leute geben, die manchmal ein Gutmensch sind. Und deshalb gebrauche ich persönlich dieses Wort nicht und setze mich lieber mit den Ansichten von jedem Einzelnen auseinanderzusetzen. Auch viele CDU- Wähler sind so etwas wie Gutmenschen (persönliche Ideale, christliche Hilfswerke), auch wenn die CDU- Politik m. E. oft dem entgegen steht. Auch für Norbert Bolz und Martin Lindner kann man Aspekte des sogenannten Gutmenschentums aufzeigen. Richtig ist daher, dass wir immer Fragende und Suchende bleiben, damit wir im Schnitt gute Menschen sind und nicht sogenannte Gutmenschen, die oft das Gegenteil von dem erreichen, was sie eigentlich anstreben.

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