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Untere Alleestraße: Herzschlag einer Stadt kaum spürbar

Die „Hauptschlagader der Seestadt auf dem Berge“ – die Alleestraße um 1930. Die Straße ist gepflastert, und  das zweite Straßenbahngleis, mit dessen Verlegung 1907 begonnen wurde, ist auf dem Foto gut zu erkennen. Mit der durchgehenden Pflasterung der Straße war am 25. Mai 1900 begonnen worden. Um 1880 schrieb ein Chronist: "Die Straße ist ungepflastet und mit Straßengräben versehen. Die wenigen eineinhalb bis zweistöckigen Häuser sind an einer Hand abzulesen. Bei schönem Wetter ist der Staub eine Plage. Und beim Regen...". Dass die Allestraße ihrem Namen nicht gerecht wurde, fiel schon 1910 auf: "Es stehen zu wenige Bäume hier". (aus: „Remscheid. Ein verlorenes Stadtbild“, von Rolf Lotzmann, erschienen 1994 im Wartberg-Verlag)

Erinnern wir uns: Am 24. Mai machte  die Verwaltung in der Sitzung der Bezirksvertretung Alt-Remscheid klar, dass es eine ausführliche Vorlage zur Frage der Öffnung der unteren Alleestraße für den Fahrzeugverkehr geben werde. Allerdings erst, wenn sich die Bezirksregierung zur Rückzahlung der Landeszuschüsse geäußert und wenn eine Bürgeranhörung stattgefunden habe! Dass die Frage der zurückzuzahlenden Zuschüsse an das Land wie ein Damoklesschwert über dem Plan einer dauerhaften Öffnung der unteren Alleestraße hänge, hatte der Schreibwarenhändler H. Harro Schmidt im Waterbölles schon am 20. Mai festgestellt. Und am 23. Mai forderte er: „Einfach einmal auszuprobieren, um zu sehen, was dabei heraus kommt.“

Die Bürgeranhörung fand gestern Abend im Großen Sitzungssaal des Rathauses statt. Rund 80 interessierte Remscheider Bürgerinnen und Bürger waren erschienen. Seniorinnen und Senioren aus den umliegenden Altenheimen und Einrichtungen für Betreutes Wohnen stellten mit ihren Sicherheitsbedenken die Minderheit (Zitat: „Man würde uns Alte doch lieber bei Rot über die Kreuzung jagen!“). Die Befürworter einer Verkehrsöffnung waren klar in der Mehrheit. Zeitweilig schien es, als handele es sich um eine Mitgliederversammlung der Remscheider Wirtschaftsjunioren. Diese hatten das „Gutachten zur Auswirkung der probeweisen Öffnung der unteren  Alleestraße (Fußgängerzone) in Remscheid für den motorisierten Individualverkehr“ finanziert, das sie dann am 18. Mai im Rathaus gemeinsam mit dem Gutachter, Prof. Dr. Dirk Temme, empirischer Wirtschafts- und Sozialforscher an der Universität Wuppertal, der Presse vorstellten. (Vom 1. Oktober 2010 bis zum 4. April 2011 war die untere Alleestraße zwischen Markt und Wilhelm-Schuy-Straße probeweise für den individuellen Fahrzeugverkehr geöffnet worden. Die Bergische Universität Wuppertal hatte dies wissenschaftlich begleitet und ausgewertet.)

Im Waterbölles ist ein „Rückblättern“ möglich. So ist leicht nachzulesen, dass Waterbölles-Leser Armin Gerhardts am 20. Mai die Aussagekraft der vom Gutachter ermittelten Zahlen in Zweifel zog: „Das ist doch wirklich ein Witz, auf was man sich hier beruft, ich muss mich wirklich wundern!“ Die Daten seien zu „beliebig ungenau“, um daraus Konsequenzen ziehen zu können. Im Hauptausschuss am 26. Mai bemängelte Sven Wolf (SPD), dass das Gutachten keine Aussagen mache zu eventuellen Umsatzsteigerungen der Einzelhändler. Fazit des Ausschusses: Für eine Auftragsvergabe an die Verwaltung sei es noch viel zu früh; es gebe noch viele offene Fragen.

Von einem Schildbürgerstreich sprach im Waterbölles am 30. Mai Stefan Müller: „Die monokausale Sichtweise einiger Vertreter des Einzelhandels zeugt geradezu von völliger Ahnungslosigkeit. Auto = Umsatz? Das ist lächerlich! Werfen Sie doch mal einen Blick auf den Stadtplan, und zählen Sie mal die Anzahl der Parkhäuser in direkter Nähe der Alleestraße. Dann werden Sie feststellen: Es gibt Parkplätze ohne Ende. Oder wollen Sie den Bürgern dieser Stadt etwa eine Degeneriertheit höchsten Grades bescheinigen? Ist es denn wirklich zuviel verlangt, von einem Parkhaus (z.B. Blumenstraße) ein paar Meter zu Fuß zu gehen? (…) Wer Autos in der Alleestraße fordert, der schadet 1. dem Image der Allee, 2. dem Steuerzahler (denn der hat letztlich den Umbau bezahlt) und 3. dem Ansehen der Stadt Remscheid. (…) Die Stadt hat einen hochwertigen innerstädtischen Raum geschaffen. Diesen auszufüllen, liegt an … den Geschäftsleuten!!! Nun von der Stadt zu fordern, die Allee, die nach Jahren der Verwahrlosung aufwendig hergerichtet wurde, wieder für den Pkw-Verkehr zu öffnen, ist eine Frechheit, die nicht zu übertreffen ist!“

Kritisch äußerte sich zum Gutachten am 13. Juni in einem Zeitungsinterview auch der SPD-Frakionsvorsitzende Hans Peter Meinecke: Es habe wohl mit der Qualität des Gutachtens der Uni Wuppertal zu tun, dass es der Bezirksregierung schwer falle, auf die Rückforderung von Fördermitteln zu verzichten. Denn das sehe ganz nach einem Gefälligkeitsgutachten aus. Überzeugende Antworten habe es jedenfalls nicht geliefert. Die darin enthaltenen Rückschlüsse seien eher Wunschdenken entsprungen und nicht empirisch untermauert.

Foto: Lothar KaiserUnd was sagte gestern Abend Gutachter Temme? Am 18. Mai hatte er festgestellt: „Die testweise Öffnung der unteren Alleestraße für den Pkw-Verkehr hat zu einer Belebung dieser  Einkaufszone beigetragen.“ Oliver Knedlich von den WiJus damals überschwänglich: „Wir sind stolz auf dieses absolut positive Ergebnis!“ Temme gestern: „Die kurzfristigen Effekte der Öffnung waren positiv. Ein Erfolg wird sich langfristig aber nur einstellen, wenn sich der Branchenmix in der unteren Alleestraße ändert.“ Er wiederholte damit, was schon im Gutachten zu lesen war.

An eine andere Passage des Gutachtens erinnerte Hans Gerd Göbert: „Dass von 34 zuletzt angeschriebenen Einzelhändlern nur sieben geantwortet haben und nur vier für die Öffnung der Allee stimmten, ist kein überzeugendes Ergebnis!“ Eigentlich hatte Temme neben den Ergebnissen der Zählaktionen seiner Studenten auch Zahlen der Einzelhändler auswerten wollen, speziell zur Entwicklung der Umsätze. Aber, wie es im Gutachten heißt: „Eine Auswertung der Informationen über die Kassenvorgänge war aufgrund fehlender Daten sowie der Unterschiedlichkeit der Art der Angaben nicht möglich. Die subjektiven Einschätzungen der zwölf Einzelhändler, die die Fragebögen ausgefüllt zurückgeschickt haben, ergeben lediglich eine Stimmungslage, die nicht repräsentativ ist!“ Einzelhändler mit Migrationshintergrund hatten sich, so Temme im Mai auf Nachfrage, an der Fragebogenaktion gar nicht beteiligt.

Doch das alles focht gestern die Befürworter einer Öffnung der unteren Allee nicht an. Die in der Testphase gemessene Belebung der unteren Alleestraße erschien ihnen auch ohne konkrete Umsatzzahlen Grund genug, von Stadtplaner Hans Gerd Sonnenschein ein offensiveres Vorgehen zu fordern. Und als dieser auf den bekannten Zeitplan verwies („Der Rat entscheidet im September. Die Verwaltung macht nur Vorschläge und hat ihre Meinung noch nicht abgestimmt!“), hagelte es Kritik. Oliver Knedlich: „Ich bin entsetzt. Ein Stadtentwickler muss doch eine Vision haben. Die haben Sie beim DOC doch auch!“ Ralf Wieber, Vorsitzender des Marketingrates Remscheid: „Wir erwarten von der Stadt ein klares Bekenntnis: Jawohl, wir sind für die untere Allee!“ Denn wenn sich in den nächsten zwei Jahren an der unteren Allee nichts ändere – diesen Zeitraum hatte Sonnenschein für die Änderung des geltenden Bebauungsplanes und die Umwidmung der Fußgängerzone in ein Mischgebiet genannt –, dann könne man es gleich lassen. „Manche Händler stehen schon jetzt auf dem Sprung, zur oberen Allee zu wechseln, wenn möglich, oder es ganz aufzugeben.“

Die Öffnung sei „die letzte Chance für eine Belebung“, meinte Jan W. Arntz und gab sich zuversichtlich, dass „die 15.000 bis 17.000 Euro für eine neue Verkehrsbeschilderung schon zusammenkommen werden.“ (Sonnenschein hatte zuvor auf den Beschluss des Rates verwiesen, dass die Öffnung die Stadt kein Geld kosten dürfe.) Arntz an Sonnenschein: „Transportieren Sie nach Düsseldorf die Botschaft: Die Bürger haben Leidenschaft und Lust, etwas für die untere Allee zu tun!“

Die Bürger? Oder die Einzelhändler? Sonnenschein: „Wenn sie sich an den Kosten beteiligen, tun sie dies freiwillig“. Die älteren Bürger, die sich gestern leidenschaftlich zu Wort meldeten, hatten eher ihre eigene Sicherheit im Sinn. Ralf Wieber räumte ein, auch er habe während der Testphase nicht nur rücksichtsvolle Autofahrer erlebt. Einmal sei er sogar von einem anderen überholt worden. „Das geht natürlich gar nicht!“ Und deshalb werde er sich persönlich um die Sicherheit der Senioren kümmern. Wie er das machen will, sagte er nicht. Sonnenschein sieht da ohnehin nur eine Möglichkeit: „Knöllchen!“

Fazit der Befürworter: „Wir müssen die Öffnung einfach mal wagen. Alles andere wäre sträflich. Schon jetzt ist die Allee nachmittags tot!“ Dass man „im Vorfeld nicht alles abschätzen kann“, bekannte Prof. Temme. „Es gibt keine endgültige Sicherheit: Sich dort anzusiedeln ist für einen Einzelhändler ein hohes Risiko!“

Fazit der Kritiker: Es bestehe keine Notwendigkeit für eine Öffnung der unteren Allee. Im Umfeld gebe es genügend Parkhäuser.

Fazit des Waterbölles: Statt Fakten wurden  meist nur Meinungen ausgetauscht. Wie diese Bürgersanhörung in die Stellungnahme der Verwaltung an den Rat der Stadt einfließen soll, ist mir ein Rätsel.

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Kommentare

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Hans Gerd Göbert am :

Mir hat die probeweise Öffnung gut gefallen. Da der Waterboelles aber Fakten vermisste, kommen wir einmal zu den Fakten: Herr Sonnenschein hat in seinem Vortrag erwähnt, dass eine Umwidmung erfolgen muss. Wenn dann auch nur ein Eigentümer sich dagegen aussprechen sollte - adé für Autos auf der unteren Allee. Das ist Fakt. Herr Sonnenschein wird mich bestimmt korrigieren, wenn ich ihn falsch zitiert haben sollte. Die Wijus haben in ihren Vorträgen nur die Öffnung für Pkw als Kriterium für eine florierende untere Allee genannt. So hat sich Herr Knedlich dazu bekannt, dass es für ihn persönlich nur darum ginge, möglichst per "drive in" in die Geschäfte zu fahren. So stellt sich Klein-Fritzchen einen modernen Marketingmix vor. Das ist Fakt. Der Marketingrat scheint aber zu wissen, dass dazu noch ein wenig mehr erforderlich ist. Also liegt es an ihm und seinen Einzelhändlern, dieses Wissen mit Leben zu erfüllen. Oder weiterhin. Das ist Fakt. Fakt ist derzeit in Remscheid, dass es auf der unteren Allee fünf Leerstände gibt, auf der oberen dagegen sieben. Wenn man also nur dieses Kriterium bewerten würde, müssten die Wijus folgerichtig die Freigabe für Pkw auch für die obere Allee fordern. Das ist Fakt. Wohl wissend, dass dabei auch die Mieten eine gewisse Rolle spielen. Aber vom Grundsatz her? Fakt ist auch, dass in der "alternativen" Hindenburgstrasse inzwischen sieben Leerstände zu verzeichnen sind. Am Zentralpunkt, dem Beginn der Burger Str. und der Lenneper Str. bis Intzestr. deren zwölf und in der Bismarckstr. zwischen Unterführung und Zentralpunkt acht. Wie soll man das denn nun erklären? Dort fahren Autos(vielleicht zu viele?), man kann vielfach kostenlos oder auf Parkscheibe parken und fast bis in die Läden hinein fahren. An hohen Mieten wie auf der Allee wird es auch nicht liegen. Woran also? Könnte es vielleicht sein, dass es irgendwie auch mit dem Zauberwort Kaufkraft zusammen hängt? Das die Menschen vor lauter Angeboten an Supermärkten, Discountern, 1€-Läden Bäckereien, Apotheken und sonstigen "Mehrfachbelegungen" in einen gewissen Konsumverzicht eingetreten sind? Wenn man jetzt noch lesen musste, wie die Kaufkraft der Arbeitnehmer in den vergangenen zehn Jahren geschrumpft ist. Von den Rentnern ganz zu schweigen. Umso erfreulicher war es gestern, von Herrn Arnz erfahren zu dürfen, dass es der Remscheider Industrie derzeit wieder so gut geht, dass man die bis jetzt bekannten Kosten einer endgültigen Umwidmung quasi aus der Portokasse zahlen könnte. So klang es jedenfalls. Dann frage ich mich nur, warum hat man damals bei dem "Schaufenster der Wirtschaft" solch einen Salto Rückwärts gemacht? Ich weiß, da ging es den Unternehmen nicht so gut. Das wäre aber einmal antizyklisches Verhalten gewesen, wie es die Lehrbücher preisen. Fazit: Ich bin dafür. Aber wenn man die Sache so vorträgt und meint, man müsste nur mit dem Finger schnippen und morgen könnte (besser gesagt müsste) der Zauberlehrling Sonnenschein mit der Umsetzung beginnen, dann wird die Sache leider vor die Pumpe gefahren. Schade.

EijaTirkkonen am :

Ein DOC ist für eine sehr schmale Bevölkerungsgruppe zugeschnitten und wird einen nicht unbedeutenden Einfluss auf den Angebotsmix auf der Alleestraße ausüben. Eine reine Fußgängerzone schmälert das Spektrum der potentiellen Läden, da Geschäfte, die größere Waren anbieten, Lieferparkplätze für Kunden benötigen. Wenn die Entscheidung für DOC auf der Blume getroffen wird, steht die Vermarktung der leerstehenden Geschäfte auf der Alleestraße vor ganz anderen Möglichkeiten. Die Alleestraße wird zunehmend für die älteren Anwohner wichtig sein. Sie müsste man bei der Planung berücksichtigen. Z.B. Ein öffentliches Verkehrsmittel würde die Bedeutung der Entfernung von dem Alleecenter bis zum alten Markt entkräften. Was spricht dagegen, die Grundsatzentscheidung über die Öffnung der unteren Alleestraße für den Verkehr zu verschieben und die Probezeit zu verlängern?

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