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Wenn die Scholle spricht

von Alma Mühlhausen

In Gedanken versunken stand Heinrich L. mit seinem Freund und Nachbarn vor seinen Bienenstöcken und ließ seinen Blick über den Garten schweifen. Das würde ein schönes Stück Arbeit kosten, hier Ordnung zu schaffen. Als hätte der Freund seine Gedanken erraten, sagte er: „Hendrech, wüed dir dat met dr Tied nit te völl, dat hie en Oenengk te haulen? Ding Frau kann dir doch bestemmt nit mihr hölpen." „Ming Frau? Ne, Otto, die kann koum ehr Husarbet noch donn. Ech mot es senn, wat ech met dr Tied maak." Eine Weile schmiegen die Männer, dann meinte der Freund, es sei doch eine Sünde und Schande, dass der Werner damals nach Amerika ging, da er doch das schöne elterliche Anwesen hier hatte. Traurig wäre das. „Aber", zitierte er den Sinnspruch, „des Menschen Wille ist sein Himmelreich". Heinrich nickte. ,,jo", sagte er, „van Kengk ahn heet he alt sonn doll Tuen em Koppe gehatt. Do kuon mr nix drahn maaken. Äwer, Otto, ech well dr es gett sagen: „I'eh dat ech alles verkuomen lot, verkuop ech denn ganzen Krempel hie. Et es jezz noch alles nett en Oenengk. Twei Stüevker haul ech förr mech on ming Frau."

Der Freund schüttelte den Kopf. „Hendrech", meinte er, „mr kann et nit begriepen. Heärsch du doch noch i'en Kengk dobie! Dann wöer alles angersch! Äwer schriewen motste demm Werner dat met demm Verkuopen. Äwer kott on böngeg märr."

Werner L., den das Fernweh in die Welt getrieben, hatte die Auffassung gehegt, dass er seine Kräfte nur draußen voll entfalten könnte, nicht in der Enge seines Elternhauses. Und so trat er eines Tages mit dem Wunsch vor die Eltern, man solle ihn nach Amerika fahren lassen. Dort, in der Neuen Welt, wolle er sich eine Existenz aufbauen. Die Tränen der Mutter und die Vorhaltungen des Vaters konnten Werners Vorhaben nicht vereiteln. Und so kam es, wie es kommen musste:

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Der Beitelschmied und sein altes Grundstück

von Alma Mühlhausen

Seit mehreren Monaten polterten an der großen Baustelle die Bagger, kreischten die Kreissägen, und die Kompressoren heulten ihr monotones Lied. Immer weiter gruben sich die Eisenschaufeln der Bagger in die Erde hinein und leerten die Schollen in die bereitstehenden Lastwagen. Schon erhoben sich an einer Seite der schmalen Straße, die mitten durch den Hof führt, moderne schmucke Häuser, die sich den anderen Häusern gegenüber wie Vil­len ausnahmen. Doch auch hier ist der Bau neuer Häuser geplant, und was sich der Fluchtlinie hindernd in den Weg stellt, soll abgerissen werden. Ge­rade hier aber stellen sich den Planungen der Baukommission große Schwierigkeiten entgegen und als einer der größten Widersacher erwies sich der Beitelschmied Weber. Zäh kämpfte er um sein Besitztum, das eins der gepflegtesten im Ort war. Doch gerade das Wohnhaus des alten Webers war es, das die Fluchtlinie am meisten störte, da es sich beinahe in die Mitte der Straße schob. Als alle Verhandlungen an dem Dickschädel des Alten scheiterten, wandte sich das Bauamt an den Sohn, der in der nahen Großstadt Lehrer an einer höheren Schule war. Man bat ihn, den Vater doch auf die Einhaltung der Fluchtlinie hinzuweisen, die eine „dringende Notwendigkeit" sei. Dabei ließ man durchblicken, dass, wenn sich der Vater weiterhin so starrköpfig zeige, es zum zwangsläufigen Abbruch kommen würde.

An einem lichtblauen Frühherbsttage sah man Vater und Sohn im erregten Gespräch auf der Holzbank sitzen, die um den Stamm des alten Apfelbaumes lief, der sich unter der rotbäckigen Früchtelast schier bis ins taufeuchte Gras neigte.

,,Jong", sagte der Beitelschmied und zeigte mit der Pfeife auf die Obstbäume und den blumenbunten Garten, „dat alles sall ech hergewen, weil denn Heären die Fluchtlinie nit passt?" Ärgerlich sprang der Sohn auf: „Vater, lässt du es hart auf hart kommen, bist du der Dumme. Dann wird das Ganze hier taxiert, und die Summe, mit der du dich abfinden musst, ist weit geringer als diejenige, die du bei einer gütlichen Einigung erzielst. Zudem, was soll die Schmiede noch? Ewald ist gefallen, und sein Junge will Architekt werden, was dir längst bekannt ist."

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Mein Bruder wurde 1982 von der „Cap Anamur“ gerettet

Liem van Tran, geboren 1.12.1977 in Ho Nai Bien Hoa / Vietnam, seit 1988 in Remscheid

Die erste „Cap Anamur“ war ein deutsches Frachtschiff, mit dem von 1979 bis 1986 insgesamt 10.375 vietnamesische Flüchtlinge (die sogenannten "boat people") auf dem Chinesischen Meer gerettet und nach Deutschland gebracht wurden. Die Flüchtlinge trieben zuvor auf überladenen, altersschwachen Booten auf dem Meer. Die meisten von ihnen fielen vor einer Rettung den Stürmen, den Piraten oder dem Hungertod zum Opfer. Die Rettungsaktion „Deutsches Komitee. Ein Schiff für Vietnam“ wurde 1979 vom deutschen Journalisten Rupert Neudeck initiiert.

Der Begriff „Boat People“ wurde in den 1970-er Jahren aus dem amerikanischen Sprachgebrauch übernommen. Er bezog sich ursprünglich auf Bootsflüchtlinge in der Folge des Vietnamkrieges in Südostasien Die meisten dieser Flüchtlinge leben heute noch in Deutschland, viele durften im Laufe der Jahre ihre Familienangehörigen nachholen. Eine Minderheit von sechs Millionen Einwohnern, also etwa sieben Prozent der Bevölkerung Vietnams, bekennen sich zum katholischen Glauben.

Mein Bruder wurde bei seiner Flucht 1982 von „Cap Anamur“ gerettet. Hier in Deutschland wollten wir im Rahmen der Familienzusammenführung zum mittlerweile als Flüchtling anerkannten Bruder. Die Ausreise aus Vietnam erfolgte 1987. Mit meinen Eltern und meinen zwei Schwestern bin ich in Frankfurt gelandet. Von dort ging es nach Düsseldorf und dann weiter nach Unna Massen. In Unna war mir alles fremd, es war kalt, es gab Schnee, es war lautlos im Vergleich zu Vietnam. Es war so ruhig in Deutschland. Die Menschen blieben unter sich, nicht die gegenseitigen Besuche auch auf der Straße, so wie in Vietnam. Freundliche Begrüßungen als Ritual wie in Vietnam fehlten, hier war das anders, nur die Menschen die man kennt werden gegrüßt, insbesondere am Morgen.

Es war z.B. ungewohnt, mit Messer und Gabel zu essen und nicht mit Stäbchen. Meine Eltern waren in Vietnam Bauern, hatten Ahnung von Getreide und Vieh, aber nicht, wie Kuchen gebacken wird. Socken anziehen war ungewohnt.

Eigentlich wollten wir nicht nach Remscheid, sondern in die großen Städte, wo viele Vietnamesen lebten. Aber der Bruder war in Remscheid, deshalb mussten wir nach Remscheid. Die Ankunft in Remscheid war Ende 1988. Die Unterbringung durch die Stadt erfolgte im Übergangsheim Bergfrieder Weg mit der ganzen Familie für ca. ein Jahr. Erst hier in Remscheid besuchte ich die Schule Mannesmann. Aber nur kurze Zeit. Für mich war ein Internatsbesuch vorgesehen.  Im Internat St. Michaelheim, ein Caritasheim mit Förderschule, war ich dann drei Jahre lang zum deutsch lernen -intensiv. Ebenso meine beiden Schwestern. Die sind älter und waren nur ein Jahr im Internat. Meine Eltern haben in Solingen eine Sprachschule besucht. Meine Klasse im Internat bestand aus ca. 25 Schülerinnen und Schüler aus Russland, Polen, Vietnam, Kambodscha, Laos, Thailand. Da mussten wir eine gemeinsame Sprache sprechen, das war dann deutsch. Nach den drei Jahren im Internat bekam ich ein gutes Zeugnis mit der Empfehlung zur Realschule.

Neben deutsch intensiv und dem „normalen“ Unterrichtsstoff habe ich im Internat alles an Regeln und mitmenschlichem Umgang gelernt. Nach dem Internat besuchte ich die Klasse 7 der Alexander von Humboldt Realschule.

1990 haben wir endlich gemeinsam mit den Eltern eine Wohnung gefunden, die Wohnungssuche war schwierig, es gab nicht viele freie Wohnungen, obwohl die Pfarrgemeinde geholfen hat. Wir hatten mit fünf Personen eine 75 qm große Wohnung in der Burger Straße gefunden. Später kam dann noch eine kleine Wohnung hinzu, so wie ein paar Familienangehörige. Jetzt hatten wir 120 Quadratmeter.

Ich habe an der Alexander von Humboldt Schule meine Realschulabschluss gemacht, 1995 habe ich meine Ausbildung bei Elektrotechnik Müller als Elektroinstallateur begonnen. 1998 habe ich die Ausbildung erfolgreich mit meinem Gesellenbrief abgeschlossen. Einige Zeit nach der Ausbildung habe ich meinen Arbeitgeber gewechselt und hatte inzwischen verschiedene Arbeitgeber. Es lag eigentlich immer am Verdienst, es gab Firmen die nur über Zeitverträge anstellen oder sogar versuchen unter dem Tariflohn zu zahlen.(weiter auf der 2. Seite)

Klicken führt zum'Zeitstrahl' der Ausstellung Zur 200-Jahr-Feier der Stadt Remscheid stellte Heike Hildebrandt vom damaligen Migrationsbüro der Stadt eine Ausstellung („Zeitzeugen-Projekt“) zusammen mit Schilderungen zahlreicher „Zeitzeugen der Zuwanderung“, deren neue Heimat Remscheid geworden war. Das ist jetzt zehn Jahre her. Doch die Geschichten sind es wert, nach vorne gestellt zu werden. Denn darin erzählen die „Zugereisten“, warum sie ihre Heimat verlassen haben, wie sie hier in Remscheid ankamen, welche Erwartungen, welche Hoffnungen, welche Enttäuschungen sie erlebten und warum sie sich trotzdem mit Remscheid verbunden fühlen. Zuwanderung begann aber nicht erst mit den "Gastarbeitern", sondern schon Ende des 19. Jahrhunderts mit italienischen Straßenbauern. Und nach dem nach dem Zweiten Weltkrieg folgten Vertriebene, Flüchtlinge und Heimatlose. Die Serie endet mit diesem Beitrag
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Eine Wohnung zu finden war fast unmöglich

Miladinka Bozicic, geboren 18.3.1972 in Javorani im heutigen Bosnien Herzegowina, seit 1991 in Remscheid:

Kneževo ist eine Verbandsgemeinde im Zentrum von Bosnien und Herzegowina. Sie liegt etwa 40 km südöstlich von Banja Luka und gehört zur Republika Srpska, einer von zwei Entitäten des Landes. Seit dem Bosnienkrieg trägt die Gemeinde den Namen Kneževo, der soviel wie „Ort des Fürsten“ bedeutet. Zur Gemeinde gehören 18 Siedlungen, die den acht Lokalgemeinschaften Javorani (im Norden), Bastaji, Kneževo, Živinice (im Zentrum), Imljani, Vlatkovi (im Süden) sowie Mokri Lug und Šolaji (im Westen) zugeordnet werden.

Im Alter von acht Jahren bin ich mit meinen Eltern von Bosnien nach Kroatien gegangen. Früher war das alles Jugoslawien. In Kroatien habe ich nach dem dortigen Schulrecht bis zum Ende der Klasse 8 die normale Schule besucht. Nach der 8. Klasse musste man sich entscheiden zwischen Berufsausbildung oder Gymnasium.

Ich habe mich zur Köchin ausbilden lassen. Mit 18 Jahren hatte ich die Idee, nach Sonthofen in Bayern zu gehen. Ich wollte dort ein paar Monate arbeiten. Nach zehn Tagen verstarb plötzlich meine Mutter und ich kehrte nach Kroatien zurück. Zu der Zeit begannen die ersten Unruhen im ehemaligen Jugoslawien. Mein Mann - wir waren damals noch nicht verheiratet – hatte in Deutschland, in Remscheid Familie. Also haben wir Jugoslawien verlassen und uns auf den Weg gemacht.

Wir waren zunächst in Bayern bei einer Freundin. Wir haben uns dort knapp ein Jahr aufgehalten. Dann sind wir nach Remscheid gekommen. Zwischenzeitlich war beim Schwiegervater in Remscheid auch die Schwiegermutter aus dem Unruheherd Jugoslawien angekommen. Der Schwiegervater hatte eine kleine Wohnung, nur 40 Quadratmeter. Wir haben dann zu viert beim Schwiegervater gewohnt, ab März 1991.

Mein Mann und ich haben versucht, eine eigene Wohnung zu finden, aber das war fast unmöglich. Wir hatten ausländerrechtlich keinen Aufenthalt, also bekamen wir auch keine Wohnung. Dann wurde ich schwanger. Im Juni 1993 wurde unser Sohn geboren. Erst kurz vor der Geburt des Kindes konnten wir eine Wohnung in der Nüdelshalbach beziehen.

Vom Ausländeramt erhielten wir aufgrund des Krieges ausländerrechtlich eine Duldung, immer nur für drei Monate, erst ab 1995 wurde die Duldung für sechs Monate erteilt. Diese Duldungen alle paar Monate kosteten jeweils 15 DM pro Person, Kinder die Hälfte. Hinzu kamen die Kosten für immer neue Reispässe; ich habe allein in zwölf Jahren schon fünf Pässe gebraucht. Diese Kosten beliefen sich auch regelmäßig auf 100 Euro pro Person. Die Duldungen wurden uns bis 2001 erteilt, erst dann bestand für uns die Möglichkeit, eine Aufenthaltsbefugnis für zwei Jahre zu erhalten. Es gab einen Erlass des Innenministeriums, der dies ermöglichte. Die Kriterien nach dem Erlass waren bei uns erfüllt. Im Juni 2003 wurde die Aufenthaltsbefugnis noch einmal um zwei Jahre verlängert, bis Juli 2005. Im Juli 2005 endlich wurde uns unbefristet die Niederlassungserlaubnis erteilt, nach 14 Jahren! (weiter auf der 2. Seite)

Klicken führt zum'Zeitstrahl' der Ausstellung Zur 200-Jahr-Feier der Stadt Remscheid stellte Heike Hildebrandt vom damaligen Migrationsbüro der Stadt eine Ausstellung („Zeitzeugen-Projekt“) zusammen mit Schilderungen zahlreicher „Zeitzeugen der Zuwanderung“, deren neue Heimat Remscheid geworden war. Das ist jetzt zehn Jahre her. Doch die Geschichten sind es wert, nach vorne gestellt zu werden. Denn darin erzählen die „Zugereisten“, warum sie ihre Heimat verlassen haben, wie sie hier in Remscheid ankamen, welche Erwartungen, welche Hoffnungen, welche Enttäuschungen sie erlebten und warum sie sich trotzdem mit Remscheid verbunden fühlen. Zuwanderung begann aber nicht erst mit den "Gastarbeitern", sondern schon Ende des 19. Jahrhunderts mit italienischen Straßenbauern. Und nach dem nach dem Zweiten Weltkrieg folgten Vertriebene, Flüchtlinge und Heimatlose.
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Ich bin ein Optimist, ein Kämpfer, ich gebe nicht auf

Jerry Duopou, geboren am 22.5.1965 in Monrovia / Liberia, seit 10.4.1992 in Remscheid:

„Die Republik Liberia ist ein Staat in Westafrika und grenzt an die Elfenbeinküste, Guinea, Sierra Leone sowie an den Atlantik. Liberia war zunächst ein Projekt zur Ansiedlung ehemaliger afroamerikanischer Sklaven aus den Vereinigten Staaten und einer der ersten unabhängigen Staaten auf dem afrikanischen Kontinent. Konflikte zwischen den Nachkommen ehemaliger afroamerikanischer Sklaven und länger ansässiger Ethnien prägen das Land bis heute. Im Jahr 1822 kaufte die American Colonization Society, eine Gesellschaft von weißen US-amerikanischen Abolitionisten, den Küstenstreifen, um dort freigelassene ehemalige Sklaven anzusiedeln und gleichzeitig selbst Kolonialherren zu werden. Zu Beginn des amerikanischen Bürgerkrieges lebten dort rund 12.000 Afroamerikaner. Die daraus entstandene Herrschaft einer schwarzen Elite wurde erst im April 1980 durch einen Putsch durch Samuel K. Doe gebrochen. Doe wurde 1989 abgesetzt, gefoltert und ermordet. Danach herrschte 14 Jahre lang Bürgerkrieg.

Ich habe in Monrovia die Schule besucht und mit dem Studium – international Relation – begonnen. Das war die Voraussetzung, um meinen Berufswunsch, Mitarbeiter im Außenministerium, zu verwirklichen. Bevor ich mit dem Studium begann, habe ich mich neun Monate im Ausland – Elfenbeinküste - aufgehalten. Ich habe dort die französische Sprache erlernt. . Als ich nach den neun Monaten nach Monrovia zurück kehrte, war der Bürgerkrieg in vollem Gang. Ich habe trotzdem 3 ½ Jahre studiert, so gut das ging.

1989 musste ich das Studium abbrechen. Der Bürgerkrieg l machte es unmöglich, weiter zu studieren. Als einzige Alternative blieb die Ausreise aus Liberia. Es gab zu der Zeit dort keine Zukunft, keine Perspektive. Am 6.6.1988 habe ich geheiratet. Meine Frau war schwanger, die Zukunft unseres Kindes galt es zu gestalten. Das war im Krieg nicht machbar. Mein Vater als Abkömmling der Afroamerikaner schlug vor, nach Amerika zu gehen. Dort könnte ich dann auch weiter studieren. Das ging aber nur vom benachbarten Ausland aus.

Wir sind dann alle zusammen, meine Mutter, meine Frau und meine Tochter, die im März 1989 geboren wurde, so wie 70.000 andere Liberianer ins Nachbarland Elfenbeinküste geflogen. Von dort wollten wir mit dem Schiff nach Amerika. Ich habe mit meiner Frau das falsche Schiff genommen und bin in Deutschland, in Hamburg angekommen, Anfang 1991.

Von Hamburg sind wir mit dem Zug nach Münster und haben dort bei der Polizei vorgesprochen. Die Polizei von Münster schickte uns nach Dortmund. Dort kamen wir dann in ein Lager für Asylbewerber. Bis Mai 1991 lebten wir im Lager in Dortmund. Wir sprachen kein deutsch. Zweimal wöchentlich waren wir beim Bundesamt zu Befragungen. Es war bei den Befragungen immer ein Dolmetscher dabei.

Im Lager gab es auch so etwas wie einen „Hausmeister“. Er sprach ein bisschen englisch und erzählte uns eines Tages, dass wir nächste Woche in eine andere Stadt verbracht werden; mehr nicht, keine Details, noch nicht einmal den Namen der Stadt! Wir wurden nervös, hatten Angst, nach Hamburg gebracht zu werden, auf ein Schiff verfrachtet zu werden und wieder nach Liberia fahren zu müssen.

In der Nacht, bevor wir von Dortmund wegfuhren hatte ich trotz aller Nervosität einen schönen Traum über unsere Zukunft. Ich hatte ein gutes Gefühl! Ich hatte eine positive Einstellung. Ich habe das meiner Frau auf der Fahrt hierhin erzählt, sie konnte meine Auffassung zu der Zeit aber nicht teilen.

Am Tag der Abreise aus Dortmund wurden wir in einen Bus gesetzt. Wir erhielten die Mitteilung, dass wir nun in eine Stadt ca. 60 bis 65 Km weit entfernt gebracht wurden. Immer noch nicht wurde uns der Name der Stadt genannt. Aber jetzt wussten wir, dass es nicht Hamburg sein konnte. Hamburg war weiter weg. Die Busfahrt ging dann auch durch das Bergische Land. Das gefiel mir. Und mir fiel mein Traum wieder ein. Der Bus hielt dann hier in Remscheid, beim Sozialamt. Dort erhielten wir sogleich alles Erforderliche. (weiter auf der 2. Seite)

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Tipps vam Klärchen

  • Bim Tapietenlösen hölpen ein paar Dröppel Spüölmittel in wärmen Water gliekso wie gekoopter Tapietenlöser.
  • Verklebte Hoarbürschten sualst te in Sieapenluage ianwieaken. Donoh looten se sech leite mett derr Naalsbüarschte söüberen.
  • Koffemott mett Filtertüten küönen se sammeln un in ieanen openen Pott drüagen. He diant als Torfersatt.
  • Bluomenkuohlströnke mott man nich wechwerfen. Liewer kliean schnieaden und mettkoaken. Ihr Geschmack iss wie Kolleraff.
  • Benutzter Penselrianiger nech wechwerfen. Wenn sech de Farbreste awsetten kann man enn umschötten.
  • Wenn man Stoffe färwt, färwt man ian Roll Nehgarn mett, damett man speter watt tem nehen, Flecken und süamen hätt.
  • Wenn man de Spaghetti vor dem Awtropfen mett kokendem Water übergiat, klewen sech später nech annanger.
  • De Bluomenzwiebel sual man em Herfst uutgrawen und im kühlen Keller in nem ollen Earpelsnetz hängend öwerwingtern looten.
  • Marmelad uut Beeren wiard lecker, wenn man gekookte Äppelstücke unger datt Oabst mescht.
  • Frische Ruotwianflecken opp dem Kanapee bekämpft man am besten mett Sault und donoh mett Polsterrianiger.
  • Oppklewer rückt man mett dem Föhn tolieaw. Klewerrest küönen donoh mett Spiritus entfernt wiaren.
  • Legen se gepelltes Oabst för Appel odder Biarenkompott in kaules Essech oder Zitruanenwater. So wüard ett nitt bruan.
  • Sperrhuoltplatten kann man ohne splittern zersäejen, wenn man de Schnittstelle zufüar mett Klewebangk öwerklewt.
  • Will man Pilzbefall bie Kräutern vermiaden, mutt man se so giaten, datt se am Ovend wiar drüch sind.
  • Es im Herfst Luab in den Gaarendiek jefallen, mott man ett schier ruuthollen, da ett sonst im Water fualt.
  • Silwerfesche im Bad küanen se mett oppjeschnettene Vanillestang verdriewen.
  • Wenn man Koolraff im Ganzen kookt und dann hengerher erst klianschnitt, bliewt sian Aroma besser erhaulen.
  • Neel looten sech besser in Stiane ianschloogen, wenn se füarher in Olich getunkt wüaren.
  • Brengt datt Herfstlaub unger de Bösche und Büam odder Hecken. So gütt en guaden Boden und de Igel hand och watt dovan emm Wengter.

Bös strackes, önker Klärchen

Wir sind auf andere zugegangen

Seyed Raouf Reissi, geboren 1948 in Ardebil / Iran und Ehefrau Sakineh Mohebbi, beide seit November 1985 in Remscheid:

„Ardabil ist eine im Nordwesten des Iran in der gleichnamigen Provinz gelegene Stadt. Sie ist bekannt für ihre traditionelle Seiden- und Teppichherstellung, Honig sowie Heilwasser vulkanischen Ursprungs. In der Umgebung wird ferner Bewässerungsfeldbau betrieben. Ardabil ist eine der 30 Provinzen des Iran. Hauptstadt ist die gleichnamige Stadt Ardabil. Die Provinz liegt im Nordwesten des Landes an der Grenze zur Republik Aserbaidschan und dem Kaspischen Meer. Die Bevölkerungsmehrheit stellen mit Abstand die Aserbaidschaner. Mehrheitssprache ist die mit dem Türkischen verwandte aserbaidschanische Sprache.

Ich bin 1948 in Ardabil geboren. Ich bin dort zur Schule gegangen und habe in Tebritz mit dem Studium begonnen. 1973 bin ich aus dem Iran ausgereist, mit dem Ziel in Deutschland zu studieren. An der Universität in Bochum habe ich zunächst Deutsch gelernt. In Köln habe ich dann Maschinenbau studiert, und ein Jahr lang ein Praktikum in einer Maschinenfabrik absolviert.  Ich hatte im Iran einen deutschen Lehrer, drei Jahre lang. Der hatte mir sehr viel beigebracht. 1978 habe ich mein Studium als Diplom-Ingenieur abgeschlossen. Inzwischen waren sechs Jahre seit meiner Ausreise aus dem Iran vergangen.

Ich bin nach dem Studium zurück in den Iran. Dort war ich in Tebritz technischer Leiter einer Maschinenfabrik. Meine Frau war Landwirtschaftsingenieurin in Tebritz /Aserbaidschan und beim Umweltamt tätig. Nach der Revolution - wir waren junge Leute – wollten wir unsere Heimat aufbauen, aber das Regime Khomeni machte es unmöglich; Menschenrechte wurden verletzt, Regimegegner und Hunderte Andersdenkender festgenommen. Das war der Grund, warum wir überlegen mussten, unsere Heimat zu verlassen. Dann sind wir, meine Frau, mein Sohn und ich nach Deutschland ausgereist.

Am Anfang war es schwer. Als Ingenieur gab es für mich keine Anstellung. Ich habe dann drei oder vier Jahre als Maschinenarbeiter gearbeitet, danach habe ich bei einer Wermelskirchener Firma vier oder fünf Jahre gearbeitet, bis die Firma schließen musste.

Meine Frau hat an der Uni Wuppertal deutsch intensiv gelernt. Danach wollte sie eigentlich Biochemie studieren. Am Ende des 2. Semesters wurde aber unser Sohn im Alter von sieben Jahren schwer krank. Da hat sie aufgehört. Unserem Sohn geht es seit einigen Jahren wieder gut.

Die Wohnungssuche damals war schwer. Wir haben zunächst fünf Jahre im Stadtteil Rosenhügel gewohnt. Wir haben sparsam gelebt und uns dann eine kleine Wohnung gekauft. 2004 haben wir uns ein kleines Haus gekauft. Die Renovierung machen wir selbst, das ist auch noch nicht fertig.

Meine Frau hat im September 1993 hier unser Geschäft, unseren Bioladen eröffnet. Wir hatten schon arge Bedenken, es nicht zu schaffen. Aber mit der Unterstützung von deutschen Freunden und Kunden hatten wir doch Erfolg. In schweren Zeiten haben unsere deutschen Freunde mit uns geweint, in guten Zeiten mit uns gefeiert. Wir hatten viel Hilfe und menschliche Wärme. (weiter auf der 2. Seite)

Klicken führt zum'Zeitstrahl' der Ausstellung Zur 200-Jahr-Feier der Stadt Remscheid stellte Heike Hildebrandt vom damaligen Migrationsbüro der Stadt eine Ausstellung („Zeitzeugen-Projekt“) zusammen mit Schilderungen zahlreicher „Zeitzeugen der Zuwanderung“, deren neue Heimat Remscheid geworden war. Das ist jetzt zehn Jahre her. Doch die Geschichten sind es wert, nach vorne gestellt zu werden. Denn darin erzählen die „Zugereisten“, warum sie ihre Heimat verlassen haben, wie sie hier in Remscheid ankamen, welche Erwartungen, welche Hoffnungen, welche Enttäuschungen sie erlebten und warum sie sich trotzdem mit Remscheid verbunden fühlen. Zuwanderung begann aber nicht erst mit den "Gastarbeitern", sondern schon Ende des 19. Jahrhunderts mit italienischen Straßenbauern. Und nach dem nach dem Zweiten Weltkrieg folgten Vertriebene, Flüchtlinge und Heimatlose.
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Die Ostberliner Polizei schickte uns nach Westberlin

Subramaniam Anandarajah, geboren am 20. Mai 1951 in Jaffna / Sri Lanka, seit 1982 in Remscheid:

Jaffna liegt auf einer Halbinsel nördlich von Sri Lanka und „grenzt an die Palkstraße. Der Bürgerkrieg in Sri Lanka ist ein andauernder bewaffneter Konflikt zwischen tamilischen Separatisten, auf der einen und dem srilankischen Militär auf der anderen Seite. 1948–49 werden Gesetze zur Ausbürgerung der seit über 100 Jahren im Land ansässigen Indien- Tamilen beschlossen, die zu Uneinigkeit innerhalb der Regierung führen. Es gibt Abspaltungen und Parteigründungen. Die SLFP gewinnt die Parlamentswahl im Jahr 1956, wobei sie von einer Welle des singhalesischen Nationalgefühls getragen wird. Die SLFP-Regierung versucht, mit ihrer Politik die „Singhalisierung“ der Insel zu bewirken. In den folgenden Jahren und Jahrzehnten kommt es immer wieder zu Ausschreitungen gegen Tamilen, bei denen die Armee ein Massaker an der tamilische Bevölkerung anrichtete.

Vor allem in den 70er Jahren verschärft sich der Konflikt zwischen den beiden Volksgruppen weiter; er wird durch die Verfassungsreform von 1972 zementiert. Die UNP, bestehend aus Singhalesen, Tamilen und Muslimen, siegte 1977 mit verfassungsändernder Mehrheit. Der Präsident verweigerte den tamilischen Abgeordneten ihre quotenmäßig garantierten Parlamentssitze unter dem generalisierten Vorwurf des Separatismus und erklärte sie sämtlich zu Staatsfeinden. Ferner veränderte er die Verfassung und setzte sich an die Spitze eines Präsidialsystems nach französischem Vorbild. Dadurch eskalierte der Konflikt zwischen Tamilen und Singhalesen ab 1983.

Als Anfangsdatum des Bürgerkriegs wird meist der 23. Juli 1983 angenommen. Von 2001 bis 2004 entspannte sich die Lage erstmals seit 20 Jahren, jedoch liegt eine politische Lösung noch immer in weiter Ferne, da beide Seiten hartnäckig an ihren Positionen festhalten.

Ich bin Tamile. Ich bin in Jaffna acht Jahre lang zur Schule gegangen. Danach habe ich angefangen zu arbeiten, eine Ausbildung habe ich nicht gemacht, zumindest nicht so wie das in Deutschland verstanden wird. Ich habe Zigarren gefertigt und Lebensmittel verkauft. Ich habe fünf Geschwister, einen Bruder und vier Schwestern. Es war nicht immer einfach, der Konflikt der Singalesen und Tamilen schwelte auf Sri Lanka bereits seit 1956. Aber ich bin bis 1981 meiner Arbeit nachgegangen.

1979 habe ich geheiratet. 1980 wurde unser erster Sohn geboren, 1982 der zweite Sohn. Da war ich aber nicht mehr zuhause. In diesen Jahren war der Beginn der Eskalation des Bürgerkrieges. Jeden Tag mussten Männer damit rechnen, rekrutiert oder von Singalesen bedroht zu werden. Auch ich hatte jeden Tag Angst. Da habe ich mich entschlossen, das Land zu verlassen. Ich wollte nach Dubai. Dort lebten viele Tamilen. Dort arbeiteten auch viele Tamilen. Aber es gab auch Meldungen, dass in Dubai keine Arbeitsmöglichkeiten mehr für Tamilen sind.(weiter auf der 2. Seite)

 

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Altbergische Blumenspiele

von Alma Mühlhausen

Orakelnd stand sie am Wiesenrand, und Blättlein um Blättlein rupfte die Hand. Dabei hat sie leise ihr Verslein gesagt, doch als sie das letzte Blatt hat gefragt, jauchzte sie laut in den Sommernwind: „Er liebt dich", sagte das Blumenkind.

Wie so manches Sinnig-Schöne, ist auch das Orakeln mit der Margaretenblume nahezu verweht. Unsere laute, nüchterne Zeit lehnt das Spiel mit dem Blütenkränzchen als altmodisch ab. Und doch war es immer so nett, wenn Kinder, die weißen Blättchen rupfend, am Wiesensaum standen und ihr Sprüchlein sagten. Im Bergischen lautete es allgemein so:

Edelmann — Bedelmann — Kuopmann — Paschtour — Dokter — Apethi'eker — Tambuor — Majuor. Fröhliches Kinderlachen flog allemal mit dem letzten Blättchen über die Flur, wenn sich die Kinderschar ihre Orakelergebnisse zurief. So vertrieben sich die Schulmädchen mit dem lieblichen Spiel in der sommerlichen Natur manche Stunde und freuten sich königlich dabei. Die erwachsenen Mädchen hingegen flüsterten ein anderes Orakelverschen, wenn sie das Strahlenkränzchen der Margaretenblume befragten: „Er liebt mich — von Herzen — ganz innig — mit Schmerzen — ein wenig — gar nicht". Da zuckte wohl manches junge Lippenpaar in verhaltenem Weh, wenn das Auge die letzten Blättchen überflog und die Antwort „Gar nicht" erfasste. Verriet das Blättchen aber „Er liebt mich", dann war der Jubel bei der Glücklichen gwiss, und übermütig flog das goldene Kelchlein auf die Erde, und der Sommerwind trug es mit dem Mädchenlachen weit hinaus.

Selten, sehr selten trifft man noch Kinder oder Erwachsene orakelnd mit einer Margaretenblume an. Was früher auf Spaziergängen ein oft geschautes und sich doch immer wieder als ein reizvolles Bild uns bot, ist heute verweht. Auch das Pusteblümchenspiel war reizend in seiner Art. Hier durften auch die Jungens mitsein. Die Bezeichnung „Pusteblümchen" war uns allerdings fremd. Da hieß der Löwenzahn im Bergischen „Kettenbluom", und wenn sich das Leuchtgold der Blüte in eine milchige, spinnwebfeine Kugel verwandelt hatte, nannten wir sie „Lampenbluom" oder auch wohl „Lampenputzer".

Das Spiel aber mit dieser Blume hieß „Lampeutblosen". Wer von den Mitspielern mit einer einzigen Puste die Lampe so restlos ausblasen konnte, dass nicht ein einziges Silberfädchen mehr zu sehen war, galt als der beste „Lampenutblöser". Ein weiteres abwechslungsreiches Freizeituergnügen lieferte uns die „Sumpf­dotterblume" (Botterbluom). Jedes Kind im Spielkreis musste eine Butterblume unters Kinn halten. Das Kind aber, das „dran" war, ging reihum und sah nach, wessen Blume den größten goldenen Fleck unters Kinn spiegelte. Wenn dies festgestellt war, rief der „Nohkieker": „Du haß am decksten de Botter geschmeert." Unter fröhlichem Lachen wurde dann mit Fingern auf die „Ertappte" gezeigt und die Worte im Chor wiederholt. So ging das Spiel mitunter stundenlang weiter, und der „Nohkieker" war jedesmal derjenige, der zu dick die Butter geschmiert hatte.

Heute sind diese reizvollen Blumenspiele verweht, und mit ihnen verwehte jahrhundertealtes bergisches Brauchtum. Schade drum!

(aus: „Der Heimat zur Ehre. Bergischen Anekdoten und Geschichten“, 1960, von Alma Mühlhausen. Mit freundlicher Nachdruckgenehmigung der Erbin Erika Kleuser)

Zwei Koffer mit Kleidung waren alles, was wir hatten

Johannes Natschke, geboren 04.03.1933 in Danzig, seit 1980 in Remscheid:

„Danzig (polnisch Gdansk ) ist eine Hafenstadt und ehemalige Hansestadt in Polen. Sie liegt westlich der Weichselmündung in der historischen Landschaft Pommerellen und ist Hauptstadt der Woiwodschaft Pommern. Die Stadt hat über 450.000 Einwohner (Stand 2007) Ende März 1945 wurde Danzig von der Roten Armee im Zuge der Schlacht um Ostpommern eingeschlossen und erobert. Während und nach dem Einmarsch wurden die noch erhaltenen Häuser der Innenstadt von den sowjetischen Soldaten geplündert und in Brand gesteckt. Insgesamt wurde ein sehr hoher Anteil der Bebauung zerstört.

Bereits in den ersten Nachkriegsmonaten wurden die meisten in Danzig verbliebenen Deutschen von den sowjetischen Besatzern und polnischen Behörden vertrieben. Zurück blieb eine Minderheit von etwa fünf Prozent der ursprünglichen Stadtbevölkerung mit zumeist auch polnischen Vorfahren. Die Vertreibung wurde von den polnischen Behörden geduldet und nicht wie oft fälschlicherweise angenommen "systematisch" vorbereitet. Aufgrund des Bierut-Dekretes wurde das Eigentum von Personen deutscher Nationalität und Herkunft enteignet. Straftaten, die gegen die deutsche Zivilbevölkerung begangen wurden hat man juristisch nur bedingt verfolgt.

Ich bin in Danzig geboren und bis 1947 aufgewachsen. Mein Vater verstarb 1942, meine Mutter 1947. Damals, in Danzig, war ich Mitglied vom Jungvolk und nach den mir bekannten Informationen auch richtig stolz, dort Mitglied zu sein. Nach dem Tod meiner Mutter bin ich zu meiner Tante (Schwester meiner Mutter) aufs Land nach Zuckau gezogen; Zuckau war damals bereits polnisch. In Danzig erging wie überall der Aufruf, dass die Deutschen ihre Wohnungen verlassen sollten. Da ich zu der Zeit erst 14 Jahre alt war, verblieb ich bei meiner Tante. Dort habe ich dann auch erst polnisch gelernt. Mit 18 Jahren erhielt ich automatisch einen polnischen Pass.

Ich habe eine Tischlerlehre und 1951 meinen Gesellenbrief gemacht, 1953 habe ich geheiratet. Ich bin zu meiner Frau nach Kalbude gezogen, das gehörte zur Freistadt Danzig. Über eine Ausreise haben wir uns zunächst keine Gedanken gemacht. Ich hatte in Gelsenkirchen eine Tante und einen Onkel sowie eine Tante in Remscheid. Wir haben uns immer Briefe geschrieben und Päckchen geschickt. Eine Nachbarin aus Kalbude, die selbst nach Deutschland ausgereist war, hatte uns versprochen, uns nach Deutschland einzuladen. Sie wollte uns ein Visum schicken, damit wir in Deutschland bleiben könnten. Das war 1978 oder 1979.

Natürlich hatten wir davon gehört, dass man unter gewissen Bedingungen ausreisen konnte; die Bedingungen kannten wir aber nicht. Wir wussten auch nicht, was uns erwarten würde. Es gab Äußerungen, dass insbesondere Westdeutsche Kapitalisten und /oder Nazis wären. Außerdem hatten viele Bekannte Absagen für die Ausreise erhalten. Ich habe dann doch einen Ausreiseantrag gestellt. Im Januar 1980 bekam ich für mich und meine Familie mit der Post die Ausreiseerlaubnis. In der Deutschen Botschaft in Warschau erhielten wir dann das Visum für die Ausreise in unsere polnischen Pässe.(weiter auf der 2. Seite)

Klicken führt zum'Zeitstrahl' der Ausstellung Zur 200-Jahr-Feier der Stadt Remscheid stellte Heike Hildebrandt vom damaligen Migrationsbüro der Stadt eine Ausstellung („Zeitzeugen-Projekt“) zusammen mit Schilderungen zahlreicher „Zeitzeugen der Zuwanderung“, deren neue Heimat Remscheid geworden war. Das ist jetzt zehn Jahre her. Doch die Geschichten sind es wert, nach vorne gestellt zu werden. Denn darin erzählen die „Zugereisten“, warum sie ihre Heimat verlassen haben, wie sie hier in Remscheid ankamen, welche Erwartungen, welche Hoffnungen, welche Enttäuschungen sie erlebten und warum sie sich trotzdem mit Remscheid verbunden fühlen. Zuwanderung begann aber nicht erst mit den "Gastarbeitern", sondern schon Ende des 19. Jahrhunderts mit italienischen Straßenbauern. Und nach dem nach dem Zweiten Weltkrieg folgten Vertriebene, Flüchtlinge und Heimatlose.
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