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"Wir müssen die Leute sofort da rausholen!"

Auszüge aus Bettina Lauers bergischem Krimi „Vergeltung“, 376 Seiten, kartoniert, ISBN 978-3-945763-95-7, 13 Euro, mit freundlicher Genehmigung des Bergischen Verlages, Remscheid, © Bergischer Verlag.
Inhalt: Im beschaulichen Lennep wird bei einer Übung radioaktive Strahlung gemessen und ein Paket mit ebensolchem Inhalt gefunden. Kommissarin Sonja Dicke ermittelt.

Der Tag, an dem die freiwillige Feuerwehr Lennep ihr 125-jähriges Bestehen feierte, war ein schöner sonniger Samstagmorgen. Es war zu kühl für die Jahreszeit, aber die Luft war herrlich frisch. Auf dem eigens dafür freigehaltenen großen Parkplatz vor der Wache standen historische Feuerwehrfahrzeuge vom 19. Jahrhundert bis in die 1970er Jahre neben den heutigen modernen ABC-Fahrzeugen. Zwischen diesen modernen Wagen mit ihren großen Tanks, Spezialwerkzeugen und Drehleitern waren zwei hoch spezialisierte Fahrzeuge zu bestaunen, die ebenfalls zur Feuerwehr gehören, aber nicht zu normalen Einsätzen gerufen werden. Beide, ein Mess- und ein Analysewagen, waren Fahrzeuge der Analytischen Task Force, der ATF, einer Spezialeinheit, die für das Aufspüren von chemischen, biologischen und radioaktiven Stoffen und die Beratung der Einsatzleitung vor Ort zuständig ist.

Die ATF, so erklärte einer der Fachmänner vor Ort seinen Zuhörern, werde zum Beispiel zur Luftanalyse bei einem Großbrand oder zu Einsätzen, bei denen es die Feuerwehr mit unbekannten Stoffen oder vergifteten Personen zu tun habe, gerufen. Ein Messwagen sammle während der Fahrt Daten, zeichne sie auf und werte sie aus. »Ein Einsatzwagen«, so der Feuerwehrmann, »ist ein mobiles Labor, in dem die verschiedensten Gerätschaften zur Probenentnahme und Analyse, Schutzanzüge und Messgeräte aller Art enthalten sind.« Der Analysewagen war für die Besucher entladen worden, und der umfangreiche Inhalt auf dem Platz zu besichtigen.

Am späten Vormittag machte sich die Besatzung des Messwagens auf den Weg in die Lenneper Altstadt. Sie wollte Daten im und um den historischen Stadtkern sammeln, die sie später den interessierten Besuchern des Festes präsentieren würde. Da die Männer nicht damit rechneten, bei der Fahrt durch die Altstadt irgendwelche chemischen oder biologischen Stoffe aufzuspüren, hatten sie sich das Naheliegende zur Messung ausgesucht: radioaktive Strahlung. Die Straßen und Gassen der Lenneper Altstadt waren mit Kopfsteinpflaster bedeckt, das sich mit seiner erhöhten natürlichen radioaktiven Strahlung gut für eine Messung eignen würde. Kai, der Fahrer, und die Besatzungsmitglieder Tobi und Chris im hinteren Wagenteil, freuten sich auf die Fahrt durch Lennep. Alle drei waren jung, begeistert und vom Fach, Feuerwehrleute mit Spezialausbildung für die Arbeit der ATF. Wie die Kollegen des Einsatzwagens liebten sie ihren Job bei der ATF und freuten sich auf jeden Einsatz und die damit verbundenen Herausforderungen. Alle drei waren noch nie in Lennep gewesen. Sie bogen von der Poststraße in die Altstadt ein und fanden sich in einer urigen kleinen Welt aus engen Straßen, aneinander gereihten Fachwerkhäusern, winzigen Läden und Restaurants wieder. Das Messfahrzeug holperte über das Kopfsteinpflaster hinter anderen Fahrzeugen her. Hier war einiges los. Zwei Straßen waren wegen des Wochenmarktes zwar nicht oder nur eingeschränkt befahrbar, in den übrigen Straßen und Gassen war dafür um so mehr Betrieb. Offenbar kannte man sich hier, auffällig viele Menschen standen zusammen und unterhielten sich.

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Einstige Kronenstraße: rechts katholisch, links evangelisch

Die Kronenstraße am Remscheider Markt um 1900. Später nannte man sie Johanniterstraße. Das höhere Haus im Hintergrund wurde um 1890 erbaut: Der „große, vor­nehme Spiegelsaal" im „Salamander" ist alten Remscheidern noch in Erinnerung. (Foto links). Foto rechts: Die   bekannte Gaststätte   von  Philipp Arntz,   genannt „Arntz Libbes", an der Kronenstraße, ebenfalls um 1900.

Joseph Brüssermann und Adolf Schulte - Feinkostgeschäfte für jede Konfession! Nie­mand hätte bessere Eingangspforten für diese lebendige Straße finden können. In der Kronenstraße hatten sich alle Bauweisen ein Denkmal gesetzt, und trotzig behauptet selbst der kleinste beschieferte Geselle mit nur drei Fensteraugen zur Straße und einer altbergischen Tür seinen Platz an der Sonne neben dem großen, vieläugigen Bruder. Kronenstraße! Ein- und Ausfalltor zum alten Markt! Deine besten, gemütvollsten Er­innerungen hast du unter Trümmern begraben. Später dann Johanniterstraße. Wandlungen der Namengebung! Es ist verständlich, dass man den ehemaligen Herren und Schutzpatronen der alten Kirche ein ehrenvolles Andenken sichern wollte.

Gute Quellen können versiegen, doch die Erinnerungen an sie bleiben wach. Ob Kronen- ­oder Johanniterstraße, zu ihnen gehörte damals Philipp Arntz, sagen wir besser „Arntz Libbes". Die Parade seiner Fenster lud unumgänglich zu köst­lichem Mittags- und Abendtrunk und ausgedehntem Skat ein. Wohl mancher konnte den „Dreh" nicht finden (das liegt wohl in dem Charakter der „Umgehungsstraße"). „Arntz Libbes" wird unvergesslich in der Erinnerung gemütlicher Männerrunden fortleben. Betrübte und ärgerliche Hausfrauen, heute hochbetagt, werden längst ihren Groll gegen „Libbes" und seine Dauergäste begraben haben.

Da lobt der Abstinenzler das Gegenteil und Gegenüber, „Hansa-Cafe" Ernst Kierdorf, Gaststätte für alkoholfreie Getränke. Hier ging es zweifellos ruhiger zu, ob aber auch fröhlicher? Im Bilde ist „Hansa" kaum zu sehen. Dagegen stellt sich breit und behäbig das ge­pflegte Bürgerhaus von Ernst Gottlieb Hasenclever, Stahlgroßhandlung, in den Vorder­grund. Querstehend im Hintergrund die einstige Wirtschaft von Aßmann, zuletzt Graveur Hermann Gastav Rasch.

Die Spaziergänger des jungen 20. Jahrhunderts kommen im Sonntagsstaat jedem Remscheider Wetter entgegen. Neben dem Vater mit „stiewem Huot" stolziert der Knirps mit Marinejacke, Strohhut und Regenschirm, und es ist kein Bürgersteig so schmal, als dass man nicht zu dreien in kleiner Gesellschaft unter großen, blumenüberladenen Sommerhüten ein Schwätzchen halten könnte. (nach: „Remscheider Bilderbogen“ von Max Eulenhöfer aus dem Jahre 1950)

Nahversorgung mit Dreirad und Liewermängken

Mit dem 'Liewermängken' im Hof Morsbach. Sammlung Reifenrath im Historischen Zentrum Remscheid

Die Hofschaft Morsbach wäre keine Hofschaft gewesen, wenn es nicht auch Lebensmittelläden gegeben hätte. Da war zum einen die Milli Diederichs, die mitten im Hof einen Laden hatte, wo man das Wichtigste (auch Schulsachen) erwerben konnte. Lina Wesel in Höhe der Löher Siedlung auf der Morsbacher Straße hatte den zweiten Laden, wo man fast alles Lebensnotwendige kaufen konnte. Ihr kam zugute, dass die Schulkinder der Morsbacher Schule gerne naschten... Als dritter im Bunde ist Gustav Mähler mit seinem Laden zu nennen, der über den Milchverkauf immer größer wurde. Gustav Mähler hatte eine für damalige Zeiten mittelgroße Landwirtschaft. Gerne erinnere ich mich, wie ich mich als Kind im Heu der Scheune tummelte, beim Heueinfahren half, beim Schlachten zusah und hier und da aus dem Wurstkessel naschen durfte.

Mählers Lieferwagen: Ein Dreirad, Marke Tempo Repro von Fritz MählerEs sind auch berühmte Männer aus der Morsbach hervorgegangen: Da ist zum einen der Maler Johann Peter Hasenclever zu nennen, der (den Morsbachern eher als Kloebbe-Haus bekannt) in der Morsbach seine Jugend bis zum 16. Lebensjahr verbrachte, dann in Düsseldorf seine Ausbildung zum Maler begann und später über München, Tirol, Schweiz und Italien seine Karriere vertiefte. Das Historische Zentrum der Stadt Remscheid ist im Besitz von 45 Zeichnungen und Gemälden des Malers. Leider ist Johann Peter Hasenclever mit seinen 43 Jahren viel zu früh gestorben.

Elternhaus des Malers Johann Peter Hasenclever. Sein Vater war Bohrschmied in einem der Morsbacher Hämmer. Foto : im Hist. Zentrum RemscheidEin weiterer berühmter Zeitgenosse war der Mundartdichter und -sänger Caspar Wittkop, der ab dem 12. Lebensjahr im Hof aufgewachsen ist. Mit 14 war er beim Sägenschmied Ferdinand Melchers tätig und lernte das Handwerk des Sägenschmiedes. Zu Fuß wurden damals die fertigen Sägen auf den Stadtkegel zum Kaufmann getragen. Auf diesen Wegen entstand so mancher Reim. Caspar Wittkop liebte die Musik und schloss sich schon früh dem Gesangverein an, der in der Alten Wendung hatte in der Wirtschaft König (Restaurant Waldesheim) sein Domizil hatte. 1910 gründete er den Plattdeutschen Gesangverein "Guot Fröng".  In die Geschichte ging er als Texter und Komponist der "Beeklieder" ein. Hier eines davon:

Die Moaschbecker Jongen van 1880

Die Hohr kot geschoren, die Piepe em Mong Su geng mols för Johren der Moaschbecker Jong, he kangt kienen Kragen, kein Schlips, kienen Huet, en hur Sieden Kappe, die stong em mols guot. En iener Hangk en Schmickelschen, su geng he emmer uht. He geng der Beek herob, on saut die Weiter ob bis owen hur nom Subereg, doch emmer kreuzfidel, bim Tesche Kahl, do kien he en, do liet he sech terdehl. He dronk sech en Kloren, on stock dann es ahn, drob geng he nom Weiten,wohen wor egal. He het die am liefsten, die net kugelrongk, en Fürken em Kenschen, on söß kehngesongkt. He geng dann met dem Schmickelschen, su net der Düren heren on sat sech op die Bank, äs wör he guot bekangt. Dann kom die Frau, on och dat Weit, sie froden hen on her, dat frogen dat huot gar nit op, sie froden krütz die kwer. Wer kalden vam Katen, vam Fusel, vam Bett, van decken Kolraben, van Ferken, vam Speck, van Küehen, van Hippen, van Aeppeln, die müer, mer plenk dann dat Weit an, on wies op die Düer. Mer geng dann met dem Schmickelschen, on seit der Frau geneit, dat Weit et kom herut, su wie et wor Gebruk, die Aul kick dann su af on ahn noch alt es durch dat Retz, mer gof sech dan en fetten Kuß, dann sait et , geneit Fretz. ((Aus „Die Morsbach, Hämmer- und Kottenforschung in Remscheid“ von Günther Schmidt, einem 1999 erschienenen Bildband zum 630-jährigen Bestehen einer der ältesten Remscheider Hofschaften.)

Beim Schanzenrekord 1959 war das Fernsehen mit dabei

Paul Mehling bei seinem Schanzenrekord  im Gelpetal 1959Wo sich der Gelpebach mit dem Saalbach vereinigt, war im Gelpetal ein Skigebiet für Alpin- und Langläufer. Selbst eine Skischanze war vorhanden. Die „Cronenberger Skischanze“ war die einzige in einer deutschen Großstadt. 1929 war die historische Gründung des "Ski Club Cronenberg"; er setzte sich aus 22 Mitgliedern zusammen. Es war ein elitärer Kreis, denn wer hatte  damals schon Ski oder konnte sie sich leisten? Nach erheblichen Schwierigkeiten bei der Grundstückssuche für den Bau einer Skischanze war es der Hammerschmied Ernst Jöker, der hinter seinem 1904 erbauten Restaurant „Zillertal“ mit Kahnteich den Hang zur Verfügung stellte. Somit war der Weg zum Bau der Schanze frei. Am 28. Februar 1933, also vor fast 76 Jahren, wurde sie mit einem Schauspringen eröffnet. Knapp ein halbes Jahr war in 4.000 Arbeitsstunden an der Schanze gearbeitet worden. Sie ließ Sprünge um 22 Meter zu und war die Attraktion im Gelpetal. 1959 war auch das Fernsehen dabei, als Paul Mehling ein neuer Schanzenrekord von 33 Metern gelang. Er wird ewig Bestand haben, da die Schanze nicht mehr existiert. (Aus: Hämmer- und Kottenforschung in Remscheid – von Gerstau bis Haddenbach –, herausgegeben von Günther Schmidt, Druck und Vertrieb Paul Hartgen GmbH + Co. KG, Lennep. Mit Textkürzungen)

Vor 60 Jahren: Dieter Borsche in Lennep festgenommen

Margot Trooger, Dieter Borsche und Horst Tappert waren die Hauptdarsteller im Fernsehklassiker "Das Halstuch>" aus dem Jahre 1961, der in Lennep gedreht wurde.von Dr. Wilhelm R. Schmidt

Vor zehn Jahren kam ein Kamerateam des WDR nach Lennep, um einen kurzen Film zur Erinnerung an den Fernsehkrimi „Das Halstuch“ zu drehen, der vor 60 Jahren in Lennep entstanden ist. Dabei wurden Lenneper Bürger interviewt, die bei den damaligen Dreharbeiten mit dabei waren.

Die ehemalige Kreisstadt Lennep ist  - trotz der Sanierungen in den vergangenen 50 Jahren – noch immer schön und wird auch als Rothenburg des Bergischen Landes bezeichnet. Warum sollte man hier also nicht einen Film drehen? Im Juni 1961 rückte der WDR an, und Regisseur Hans Quest kam an verschiedenen Drehorten in Lennep zur Sache. Allerdings war Lennep nicht wegen seiner Schönheit ausgesucht worden, sondern weil Außenaufnahmen in England zu teuer gewesen wären. Deshalb suchte man im Bergischen nach einem passenden Drehort, der kleinstädtisch und beschaulich wirken sollte. Und wurde in Lennep fündig, im Film das kleine Örtchen Littleshore in der Nähe Londons. Die baulichen Schönheiten des alten Lennep waren gar nicht gefragt.

englische Ladenschildef am Alten Maekt; nur das Enblem der Fa. Schürmann (an der Tür hinter dem Pkw) durfte bleiben.Im Mittelpunkt des Films, der heute als Fernsehklassiker gilt, stand Inspektor Yates (Heinz Drache). Er hatte sich im Film mit einer Reihe von Morden zu befassen, die mit einem Halstuch verübt worden waren. Eine schwierige Aufgabe, aus dem Kreis mehrerer hochgradig Verdächtiger den Mörder herauszufinden und zu überführen. Verfilmt wurde der 1960 von dem englischen Autor Francis Durbridge verfassten Roman Das Halstuch (engl. the scarf). Im Juni 1961 gedreht, wurde der Sechsteiler (jeweils zwischen 35 und 40 Minuten lang) dann im Januar 1962 ausgestrahlt. Die Folgen 1 bis 5 endeten jeweils mit einer spannenden oder überraschenden Szene, einem sog. Cliffhanger, an die sich viele Zuschauer auch heute noch erinnern können. So entdeckt am Ende der ersten Folge ein Musikschüler in seinem Geigenkasten das Halstuch, mit dem das erste Opfer ermordet wurde.

Der Alter Markt in Lennep um 1930.Bei der Ausstrahlung des Films entstand übrigens der heute geläufige Ausdruck „Straßenfeger“ angesichts der wie leer gefegt wirkenden Straßen während der Sendetermine. Theater, Kinos, Volkshochschulen und andere öffentliche Einrichtungen blieben an den sechs Sendeabenden praktisch leer, auch Wahlkampfveranstaltungen der politischen Parteien fanden kein Interesse. Sogar die Nachtschichten in vielen Fabriken mussten ausfallen. Wer damals noch keinen Fernseher hatte, besuchte befreundete Familien oder sah die Filme vorm Fernsehgeschäft, wobei der Ton mit einem Lautsprecher nach außen übertragen wurde. Die bereits mit Fernsehgeräten ausgerüsteten Wirtschaften verzeichneten noch mehr Gäste als bei Fußballspielen. Die durchschnittliche Sehbeteiligung lag bei 89 %, was allerdings mit der nächsten Durbridgereihe Tim Frazer noch überboten wurde.

Interesse und Begeisterung, oder sagen wir einfach Neugier, waren schon bei den Dreharbeiten zu spüren. Hausfrauen ließen die Betten ungemacht, die Ehemänner gingen nicht zur Arbeit, und die Schulkinder hatten frei. So auch ich. Ich war (im Jahr meiner Konfirmation) mit dabei, zumindest an den innerstädtischen Drehorten, am unteren Alten Markt und am Munsterplatz. Die eigentlichen Drehareale umfassten im Grunde jeweils nur wenige Quadratmeter, unmittelbar davor die Kameras und die Beleuchtungstechnik, für die Zuschauer blieb wenig Platz, sie „stapelten“ sich sozusagen auf Kisten und Stühlen am Alten Markt vor dem damaligen Reichshof, dem heutigen spanischen Restaurant, und auf dem damals noch nicht entkernten oberen Munsterplatz, denn dort wurde nicht gedreht. Die von der Wetterauerstraße zum Munsterplatz führenden Gässchen waren mit Zuschauern völlig verstopft. Ich kann mich noch gut an Horst Tappert und Dieter Borsche erinnern, wenn sie in das große Haus Munsterplatz 11 gingen, das man mit geringem Aufwand zu einer englischen Polizeistation umfunktioniert hatte. Immerhin hatte man noch einen englischen Briefkasten aufgestellt. Die Kamera verfolgte mehrfach Autos, die aus Richtung Marktkino auf den Munsterplatz fuhren oder sich von dort wieder entfernten. Der Blick fiel dann wirklich auf Alt-Lennep, die südliche Seite des unteren Munsterplatzes östlich der Steeggasse. Dass man dabei keine Einzelheiten erkannte, war gewollt.

Die für die Lenneper spektakulärste Szene des sechsteiligen Films wurde am Alten Markt realisiert. Im RGA hieß es damals: „Auf dem Alten Markt wurde scharf geschossen.“ In Wirklichkeit war damals gar keinen Schuss zu hören, und für die Schusslöcher im Pkw der Darstellerin hatten vorher die Techniker gesorgt. Als Kamera und Mikrofon einsetzten, war der Schuss laut Regie gerade gefallen und Hauptdarstellerin Margot Trooger stand, von herbei eilenden Passanten umringt, einen Augenblick wie erstarrt, um dann, nur an der Hand geringfügig verletzt (Filmblut), in Ohnmacht zu fallen. Die Szene gestaltete sich allerdings schwieriger als zunächst gedacht, weil mehrere Personen gleichzeitig in Bewegung sein mussten, und so musste Margot Trooger mehrere Male in Ohnmacht fallen, bis die Szene „im Kasten“ war. Auch andere Szenen mussten mehrfach gedreht werden:  Mal störten Kinder- oder Zuschauerstimmen, mal läutete die nahe Stadtkirche zur Beerdigung, mal stand im Gesicht einer Darstellerin der Schatten des Mikrofons, das an einer langen Stange befestigt in unmittelbarer Nähe den Sprechton aufnehmen sollte, mal störte ein Flugzeug.

Natürlich mussten die Filmleute in den Filmpausen, in denen die Makeups  der Schauspieler „restauriert“ und noch mehr  Zigaretten konsumiert wurden als im Film selber (aus heutiger Sicht eine reife Leistung), viele Autogramme geben. Gefordert war hier jedermann, auch wenn es nur die ortsansässigen Zeitungsreporter waren. Wer was war, war kaum zu erkennen, von den Hauptdarstellern mal abgesehen. Im Film zu sehen waren später auch mehrere Lenneper Statisten. Die Aufnahmeleitung äußerte sich später positiv, Lennep sei eine ideale Filmstadt und  bauchpinselte damit nicht nur die Mitwirkenden. Der Aufnahmeleiter meinte noch, dies sei sicher nicht das letzte Mal gewesen, dass man in Lennep gedreht habe. Na ja.

Der Lenneper Munsterplatz heute.Anders als am Munsterplatz, wo nur altertümliche Fassaden und ein leicht zu verwandelndes Fachwerkhaus als Kulisse benötigt wurde, richtete sich die Kamera am unteren Alten Markt auch längere Zeit auf die dortigen Geschäfte, die natürlich zu diesem Zweck einer intensiveren Verwandlung bedurften. Über Nacht wurde die Zeitschriftenhandlung Schreiber an der Ecke zur Jägergasse zu einer englischen Buchhandlung, und das benachbarte ehemalige Reisebüro Schneiderhöhn zu einem englischen Modesalon. Links davon erblickt man mehrfach ein Blumengeschäft, was einen damaligen Lenneper nicht verwundern konnte, war doch dort traditionell das Lenneper Blumenhaus von Wüstermann ansässig. Man sieht in mehreren Folgen, wie Autos von der Marktgasse auf die damals auch wirklich so eingezeichneten Parkplätze vor den genannten Geschäften einbiegen. Dabei gerät auch die damalige Filiale der traditionsreichen regionalen Lebensmittelkette Adolph Schürmann in den Blick. Beim genauen Betrachten des Films erkennt man das Firmenzeichen, das aus einer dampfenden Tasse bestand, oval umschlossen von einer Art Ehrenkranz, der u. U. auf das seinerzeit genau fünf Jahre zurückliegende fünfundsiebzigste Firmenjubiläum zurückzuführen war. Das Firmenzeichen erklärt sich aus dem Umstand, dass die Remscheider Firma Adolph Schürmann auch eine bedeutende Kaffeerösterei war. (Man sieht also im Film, dass die bergische Wirtschaft Anfang der 1960-er Jahre auch in Littleshore, England, vertreten war. J ).

Der letzte Teil des Films spielt im Diepomannsbachtal. Vor dem Jagdschlösschen kam Inspektor Heinz Drache mit dem Wagen angebraust und fuhr beim ersten Versuch regiewidrig den Weidezaun an. Die eigentliche Schwierigkeit aber waren die Lichtverhältnissen. Die Beleuchtungsmaschinerie war weit schwergewichtiger als heute. Die voluminösen Großscheinwerfer brauchten auch viel Strom, den spezielle Aggregate lieferten. Als eines davon ausfiel, stellten die Bergischen Licht- und Kraftwerke ein Ersatzaggregat zur Verfügung, das man „gerade da hatte“.

Soweit die Dreharbeiten, aber wer war eigentlich der Mörder? Großer Rätselratel beim Fernsehpublikum. Doch dann, am 15. Januar 1962, zwei Tage vor Ausstrahlung der letzten Halstuch-Folge, veröffentlichte der Berliner Kabarettist Wolfgang Neuss in einer Zeitungsannonce für seinen Kinofilm „Genosse Münchhausen“ den Namen des Halstuchmörders, um auf diese Weise mehr Zuschauer in seinen Kinofilm zu locken. Das löste einen regelrechten Skandal aus. Neuss erhielt Morddrohungen, und die Bild-Zeitung bezeichnete ihn als Vaterlandsverräter. Später gab Neuss an, den Mörder lediglich richtig erraten zu haben.

Geschäfte in Frankreich sicherten das Überleben

VII

Bereits 1791 behinderten erste Schutzzölle der französischen Regierung den freien Warenverkehr und hatten Auswirkungen auf das Wirtschaftsleben des Bergischen Landes. Die wachsende Kriegsgefahr führte zu Störungen der Handelsbeziehungen mit den linksrheinischen Gebieten. Preußen, das habsburgische Österreich und weitere Länder verbündeten sich vordergründig zum Schutz des französischen Königtums und stellten Truppen zum Einmarsch nach Frankreich bereit. 1792 begann mit einer französischen Kriegserklärung der 1. Koalitionskrieg, von dessen Auswirkungen auch die spätere Schwiegermutter von Ernst Hasenclever, Johanna Schlosser, in ihren Annalen berichtet. Im Laufe des Jahres 1794 gelang es den französischen Truppen zunächst Kurköln, die habsburgischen Niederlande und später weitere linksrheinische Gebiete zu besetzen, sodass Ende 1794 der Rhein die Grenze des französischen Einflussbereiches markierte. Damit verlor das Bergische Land große Teile seines bisherigen Handels- und Absatzgebietes. Der Handel mit Nordamerika, der auch von den Hasenclevers über in Holland sitzende Zwischenhändler abgewickelt wurde, kam fast gänzlich zum Erliegen.21 Im Frieden von Basel 1795.

Am Anfang des 19. Jahrhundert verzichtete Preußen praktisch auf alle linksrheinischen Gebiete und schied aus dem Krieg aus. Im September desselben Jahres überschritten französische Truppen bei Düsseldorf den Rhein und drangen in das Gebiet zwischen Wupper und Sieg vor. Das französische Revolutionsheer versorgte sich zum Großteil aus dem Land. Geforderte Kontributionen, Plünderungen und Einquartierungen behinderten das gewerbliche Leben. Ein geregeltes Wirtschaftsleben fand kaum noch statt. Die Folgen waren steigende Arbeitslosigkeit und daraus resultierende Abwanderungen. Bis 1801 war das Bergische Land besetzt. Etliche Handelshäuser gingen bankrott, darunter auch die Handlung der Gebrüder Hilger, deren ehemaliges Wohn- und Handelshaus heute als Haus Cleff Teil des Historischen Zentrums Remscheid ist. Von 88 Handelshäusern überlebten nur 53 die gesamte Zeit der französischen Herrschaft im Bergischen Land.

Das Handelshaus Johann Hasenclever & Söhne versuchte, trotz der Schwierigkeiten, weiterhin Geschäfte zu machen und seine Handelsbeziehungen auch auf neue Märkte auszudehnen. 1791 reiste Christian Hasenclever auf die Iberische Halbinsel, um dort Kontakte zu knüpfen. Die umfangreichen Kolonien Spaniens und Portugals lockten als zukünftige Absatzmärkte. Ihm folgte 1797 – 1799 sein jüngerer Bruder David Hasenclever, ohne durchschlagende Erfolge zu erzielen. Wie wichtig frühzeitige Sondierungen sein konnten, zeigte die spätere Entwicklung des Südamerikahandels der Familie.

Mit dem Frieden von Lunéville 1801 endete der Kriegszustand im Bergischen Land. Die französischen Besatzungstruppen zogen ab, doch gleichzeitig wurde der Rhein offizielle Zollgrenze. Damit war die Trennung von den alten Handelspartnern im Westen nun auch rechtlich vollzogen. Ein weiterer schwerer Schlag für den Handelsverkehr. Durch die hohen Zollsätze waren ihre traditionellen Waren nun nicht mehr konkurrenzfähig. Ein Teil der Tuchhändler, vor allem aus dem Lenneper Gebiet, zog Konsequenzen und verlagerte seinen Tätigkeitsschwerpunkt auf die französische Seite des Rheins. Das eisenverarbeitende Gewerbe, durch die notwendige Wasserkraft stärker ortsgebunden, lag in vielen Bereichen brach. Die Handelshäuser versuchten durch die Ausdehnung ihres Warensortimentes trotzdem lukrative Geschäfte zu machen. Aber auch der Seehandel war von den kriegerischen Auseinandersetzungen betroffen. Der Kaperkrieg der jeweils verfeindeten Kontrahenten führte zum Verlust von Ladungen und Schiffen.

1804 krönte sich Napoleon zum Kaiser der Franzosen. Im 3. Koalitionskrieg stand der bergische Landesherr, Maximilian IV. Joseph Kurfürst von Bayern, auf Seiten Napoleons und im Dezember des Jahres 1805 trat der bayrische Kurfürst das Herzogtum Berg im Rahmen der Rheinbundakte an Napoleon ab. Das aus dem Herzogtum und einigen bedeutenden Erweiterungen 1806 entstandene Großherzogtum Berg wurde so zu einem Anhängsel Frankreichs, welches bis 1808 eine straffe Organisation und Zentralverwaltung nach französischem Muster erhielt. Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten seiner Einwohner wurden durch diesen Akt allerdings nicht behoben. De facto wurde das Großherzogtum Berg von den Franzosen regiert, war aber de jure kein Bestandteil Frankreichs und somit weiterhin Zollausland. Erschwerend kam hinzu, dass von 1806 bis 1808 die östlich angrenzenden Länder Mark und Westfalen als Teile Preußens ebenfalls Zollausland waren und der Handel und Warenverkehr auch nach Osten bedeutend erschwert wurde.

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Der preußische Kronprinz im Handelshaus Hasenclever

V

In der preußischen Heeresreform hatte Gerhard von Scharnhorst unter dem Eindruck der Niederlage gegen Napoleon ab 1807 das Militärwesen neu organisiert. Seit 1813 galt deshalb in Preußen die allgemeine Wehrpflicht, die mit dem „Gesetz über die Verpflichtung zum Kriegsdienst“ vom September 1814 gesetzlich verankert wurde. Damit waren alle preußischen Untertanen ab dem vollendeten 20. Lebensjahr zum Dienst in Heer oder Marine verpflichtet. Die aktive Dienstzeit betrug drei Jahre. Dieser Verpflichtung musste sich auch Ernst Hasenclever stellen und so verzeichnete seine Mutter in ihrer „Epochentabelle“ unter dem 5. August 1832: „Vormittags reisten David und Ernst nach Düsseldorf, der Militär-Pflichten von ihm und Richard wegen.“ 41

David Hasenclever kümmerte sich frühzeitig um die Militärbelange seiner beiden Söhne Ernst und Richard (1813 – 1876), denn es gab für sie die Option, ihre Dienstzeit bedeutend zu verringern. Diese sollten sie auf jeden Fall nutzen, denn so standen sie schneller wieder für den „Dienst“ im Familienunternehmen zur Verfügung. „Jungen Leuten von Bildung“, wie es die „Deutsche Wehrordnung“ von 1822 formulierte, stand die Möglichkeit einer Verkürzung der aktiven Dienstzeit zu. Sie dienten dann als sogenannte „Einjährig- Freiwillige“. Wobei der Ausdruck „Freiwillige“ irreführend war, den auch sie waren zur Leistung des Dienstes verpflichtet. Um diese Verkürzungsangebot in Anspruch nehmen zu können, mussten bestimmte Bedingungen erfüllt sein. Erforderlich waren die freiwillige Meldung zwischen dem 17. und 20. Lebensjahr und der Nachweis der „wissenschaftlichen Befähigung“. Diese konnte entweder mit Hilfe von Schulzeugnissen oder in einer besonderen Prüfung nachgewiesen werden. Die Prüfung erstreckte sich auf drei Sprachen (Deutsch und zwei Fremdsprachen) sowie Geographie, Geschichte, Literatur, Mathematik, Physik und Chemie.

Als weitere Voraussetzung musste der jeweilige Vormund eine Erklärung abgeben, dass er für die Ausrüstung, Einkleidung und den Unterhalt während der Dienstzeit des Kandidaten selber aufkommen würde. Je nach Truppenteil waren diese Kosten unterschiedlich hoch und lagen 1814 zwischen 58 und 214 Talern. Diese Kosten für Ausstattung und Unterkunft stellten den Gegenwert des Jahresverdienstes eines Handwerkers dar. Die Entscheidung, bei welchem Truppenteil die Dienstpflicht zu leisten war, lag in der Regel beim Einjährig-Freiwilligen. Die vielen Voraussetzungen für den Antritt als Einjährig-Freiwilliger erfüllten in der Regel nur die Söhne des wohlhabenden Bürgertums und somit war Ernst für diese Form der Wehrpflicht natürlich besonders „geeignet“. Da sich Ernst für den Dienst bei den prestigeträchtigen Husaren entschied, lagen seine Kosten eher im oberen Bereich der oben genannten Summe. Die Angelegenheiten der „Militärpflicht“ müssen an diesem 5. August 1832 zur allseitigen Zufriedenheit gelöst worden sein, denn Ernst führte bis zu seinem Eintritt in das aktive Militär sein normales Leben in Ehringhausen im Dienst des Familienunternehmens weiter.

Im Jahr 1833 bewegte ein besonderes Ereignis die Gemüter in Ehringhausen. Auch Ernst war bei dieser Begegnung zu Hause und als junger Mann von gerade 19 Jahren sicherlich davon beeindruckt. Am 17. Oktober 1833 beehrte der Kronprinz und spätere preußische König Friedrich Wilhelm IV. das Handelshaus Hasenclever mit seiner huldvollen Anwesenheit. Schon seit langem pflegte vor allem der Onkel von Ernst, Josua Hasenclever, Beziehungen zu preußischen Regierungskreisen und der Aristokratie des Königreiches. Dieser Besuch adelte die Bemühungen der Familie Anschluss an die feine, bessere Gesellschaft zu finden und war gleichzeitig Zeichen ihres Aufstiegs in ein neues Groß- und Bildungsbürgertum. Selbstverständlich stand dieses wichtige Geschehen auch in den „Epochentabellen“: „Am 17. Abends kam unser Kronprinz hier an. Logierte bei Josua. Wir waren alle dort versammelt. Alles geriet gut. Am 18. Morgens besuchte der Prinz unser Stammhaus, nahm hier im Hause ein Dejeuner und fuhr nach Remscheid zu Herrn Scharf wo die Behörden und Prediger versammelt waren. Von dort nach Lennep.“

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Offen für bildungsbürgerliches Gedankengut

IV

1813 erwarben die Ehringhauser Bürger ein eigenes Schulgebäude, welches gleichzeitig auch als Wohnhaus für den Lehrer diente. Diese Schule besuchte auch Ernst mit allen anderen Kindern in Ehringhausen. Es bestand zwar in preußischer Zeit bereits eine Schulpflicht vom 6. bis zum 13. Lebensjahr, die aber mangels vorhandener Verwaltungsstrukturen nicht immer ernsthaft durchgesetzt werden konnte. So hing der Schulbesuch in erster Linie von der Einsicht der Eltern in die Notwendigkeit einer Schulbildung und natürlich auch von den finanziellen Verhältnissen der Familie ab. Bei diesen Erwägungen ging es nicht nur um das zu zahlende Schulgeld, sondern vor allem auf dem Land auch darum, ob auf die Arbeitskraft der Kinder verzichtet werden konnte. Diese Gedanken spielten bei den finanziellen Verhältnissen der Familie Hasenclever sicherlich keine Rolle. Ganz im Gegenteil gaben sie 1813 2600 Reichstaler als Darlehen für den Ankauf des neuen Schulgebäudes.

Das Schulgeld betrug damals 52 Stübber pro Kind und Monat. Unterricht war täglich von 8 bis 11 Uhr und von 13 bis 16 Uhr. Am Mittwochnachmittag und täglich von 11 bis 12 Uhr und von 16 bis 17 Uhr hatte der Unterricht in französischer Sprache zu erfolgen.32 Ein Unterricht in französischer Sprache bereits in der „Grundschule“ erscheint aus heutiger Sicht recht modern. Dies zeigt aber bereits die Ausrichtung der Schule auf das sich entwickelnde Bürgertum. Die Beherrschung mindestens einer, meist sogar mehrerer Fremdsprachen gehörte zur Ausbildung der Oberschicht, zu der sich auch das Bürgertum zählen wollte. Für die Aktivitäten einer Handelsfamilie wie den Hasenclevers waren Fremdsprachenkenntnisse unerlässlich. Für den zukünftigen Nachfolger einer Kaufmannsdynastie war die Ausbildung nur auf einer Elementarschule nicht ausreichend. Josua Hasenclever schreibt dazu: „Unsere Kinder waren indessen teilweise in das Alter gekommen, dass wir für sie auf besseren Unterricht, als sie in der hiesigen Elementarschule erlangen konnten, denken mussten.“ 33

Es zeigt sich die Einigkeit der Brüder David und Josua, die gemeinsam mit ihrem ältesten Bruder Johann Bernhard beschließen, einen Hauslehrer für die weitere Ausbildung ihrer Kinder anzustellen. Dadurch waren die Kinder zusätzlich unter der Kontrolle und Aufsicht ihrer Eltern. Aufgrund der großen gemeinsamen Kinderzahl entstand ein regelrechter „Klassenverband“, den Josua als positiv für die Entwicklung der Kinder ansah: „...wurde der Überstand vermieden, der gewöhnlich stattfindet, wenn nur eins oder zwei unterrichtet werden.“ 34

Die Kinder der Familie wurden während ihrer Ausbildung in Ehringhausen von drei verschiedenen Hauslehrern unterrichtet. Sie wurden von Josua Hasenclever wie folgt charakterisiert: „Der erste Lehrer hieß Hochdörfer, ein Mann von vielen Kenntnissen und rechtschaffendem Charakter, aber heftig, starrköpfig und sehr eingenommen von sich selbst, so dass er außer der Universitätsbildung eigentlich gar keine andere wollte gelten lassen, auch die Kinder sehr streng behandelte.“ 35 Trotz dieser nicht eben freundlichen Charakterisierung blieb Hochdörfer einige Jahre bei der Familie in Ehringhausen. Ihm folgte ein Kandidat Kunz „der aber unseren Erwartungen nicht entsprach, daher nicht lange blieb.“ 36

Auf Kunz folgte als letzter Hauslehrer ein Kandidat Becker, der 1830 in Ehringhausen starb. Dieser Lehrer Becker fand sich auch in den „Epochentabellen“ der Familie Hasenclever. Seine Mutter Henriette schrieb dazu als erste Eintragung mit einem Bezug zum Leben ihres Sohnes am 30. April 1830: „Ernstens Abschied aus dem elterlichen Hause in Begleitung seines Lehrers Becker, nach Crefeld, in das Haus des Herrn Rectors Vogel, wo er zu unserer Ruhe und Freude wohl versorgt ist.“ 37 (…)

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Sein Taufpate war Ernst Moritz Arndt

III

Mit der Übernahme neuer Produkte versuchten die Hammerwerksbesitzer die vielen Nachteile auszugleichen. Die Herstellung von Feilen sollte sich bald als lukrativ erweisen. Erste Fabriken für diesen begehrten Artikel, in denen die gesamte Produktion unter einem Dach und in einer Hand zusammengeführt war, entstanden noch vor der Mitte des 19. Jahrhundert, so auch die Firma Mannesmann.

Auch die Familie Hasenclever beteiligte sich an diesen Prozessen. Zum Einen setzte sich Josua Hasenclever zum Ende der napoleonischen Zeit für die Verbesserung und Erneuerungen der Remscheider Straßenverbindungen ein – für einen Kaufmann mit internationalen Kunden von elementarer Bedeutung –, zum anderen ging auch er produktionstechnisch mit der Zeit, indem er sich zu Beginn der 1840er Jahre an einer Eisengießerei beteiligte. Dieser neue Herstellungsprozess für viele Kleineisenwaren lief der alten Schmiedetechnik zunehmend den Rang ab. Auch dabei war die Haupttriebfeder seiner Handlungen nicht das Interesse an neuen Techniken, sondern die Möglichkeit, Geschäfte zu machen, von denen die Familie profitierte.27 Dies wurde der roter Faden vieler Aktionen der Hasencleverschen Unternehmungen.

In diesem Lichte erscheinen auch die Aktivitäten im Südamerika- Handel, die mit einer Beteiligung von Josua Hasenclever an der Rheinisch- Westindischen Kompagnie im Jahre 1821 beginnen und später zur Entsendung von Familienmitgliedern nach Brasilien führten, die eigenständige Verbindungen knüpfen sollten. Wie wir den „Epochentabellen“ seiner Großmutter Johanna Schlosser entnehmen können, wurde Ernst Hasenclever am 18. November des Jahres 1814 in der Hofschaft Ehringhausen geboren. „November Am 7. Meine Rückkehr nach Ehringhausen der Entbindung meiner geliebten Jettchen zu gewarten, die am 18. dieses Monats mit einem schönen gesunden Knaben, ganz besonders leicht und glücklich erfolgt ist: die göttliche, unsichtbare Hülfe allein, ohne Männlichen oder sonst kundigen beystand als den der Wärterin u. den meinen hatte dabey alles so höchst erfreuend getan.“ 

Am 23. November meldete ein sicherlich stolzer Vater, der Kaufmann David Hasenclever, wie in der entsprechenden Urkunde des Standesamtes zu lesen ist, seinen Sohn unter dem Namen Georg Bernhard Ernst beim zuständigen Bürgermeister Abraham Hering an und unterzeichnete die Urkunde mit schwungvoller Schrift. Die Taufe erfolgte rund zwei Wochen später, am 6. Dezember 1814, dem Nikolaustag, der Schutzpatron der Reisenden und Kaufleute, in der evangelischen Stadtkirche zu Remscheid. Vielleicht zufällig, aber sicherlich eine passende Beziehung und ein gutes Omen für das spätere Leben des Täuflings.

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De Pirschelbär

Bevür ech en diese Weeke an de Döppen operiert werde, ech han nemmlech en griesen Star, muss ech önk noch en nette Geschechte vertellen die miar dat Sabine van de Denkerschmette vertault hätt.

Ihr Müter hit mett Füarnamen „Pirschelbär“. De süat so uut wie mian Elseken, bloss ewen als Müter, nich als Katte. Witt mett ruotem Ianschlag. De Pirschelbär hätt en kuomeschen Namen ewer datt ess jo nur sian Pseudonüam. He hitt jo iagentlech Sam, ewer do löpt he nech drunger, un datt kümmt doher:

En Nohbersche vam Sabine vertäult en Geschechte van dem Kengergaaren wo se arbiet. Se hangk nieue Kenger jekregen un damet man och Beschiead wias wie se hiaten, frogt man se no ihrem Namen. Man sett sech in en Runge on jeder muas molls sianen Namen sagen. Opp ienmol kömmt en klian Jüngken an de Reih. He seet, ich bin der Pirschelbär. De Nohbersche frocht noch ens, weil se glüövt se hatt sech verhüart. Ewer dat Jüngelken seet wiar, ich bin der Pirschelbär.

No jo deit sie bie sech, de Eltern send jo moll jett kuomesch mit de Benennung ehre Blagen. Dann nennen wiar datt Jüngelken ewen Pirschelbär. He hüart och do droppen.

Enn Tied vergengk un de Muoder holte dat Jüngelken ut dem Kengergaaren aff. De Nohbersche woar ewer nieuschiereg watt datt fören kuomeschen Namen woar. Se ging zu de Muoder van dem Pirschelbär und frochten ganz glatt heruut.

Nohbersche: Hören Sie mal, ihr Sohn sagte er hieße Pirschelbär mit Namen, stimmt das so.  

Muoader: Wie Pirschelbär, was ist das denn. Nein mein Sohn heisst Pierre Gilbert (opp franzüösesch gesprochen)

Do wuasst de Nohbersche Beschied. De arme Jongk kuan sienen ieagenen Namen nech uutsprechen unn hätt sech tehölpen gewusst. He hätt sech su genannt wie he sianen Namen verstongen hätt.

Emm Kengergaaren hitt he noch emmer Pirschelbär, wöröm sualen se en och umbenennen. Datt wüard he noch früah genug erfahren, wie he wirklech hitt.

Ewer nu zu dem Müter vam Sabine, der ja iagentlech Sam hitt, ewer joo nitt opp sieanem Namen hüart. Wie er den Namen Pirschelbär hüart, kuam he öm de Hücke, weil he sech angesprochen füahlten. He hätt allen verständlech gemakkt, datt he tuokünfteg mett diesem Namen angesprochen werden wüal. So hitt de Müter vam Sabine nu Pirschelbär, su wie datt Jüngelken ut dem Kengergaaren. So send se de Kengker un de  Stuowentiger.

Bös strackes
önker Klärchen

Die Hasenclevers kamen aus dem Lobachtal

II

Ernst Hasenclevers politische Tätigkeit fand in seinen persönlichen Aufzeichnungen leider kaum Niederschlag. Lediglich ein Brief aus dem Jahr 1866 – während seiner Zeit als Mitglied des Preußischen Abgeordnetenhauses geschrieben – gewährt einen kurzen Einblick in seine politische Gedankenwelt.9 Als Mitglied der altliberalen Fraktion setzte er sich dort besonders für den Anschluss seiner Heimatstadt Remscheid an das Eisenbahnnetz ein.

 Die Familie Hasenclever aus Remscheid-Ehringhausen konnte zur Zeit der Geburt von Ernst Hasenclever im Jahr 1814 auf eine lange Geschichte zurückblicken. Forschungen und Untersuchungen der Familie, in den 1930er Jahren von Bernhard Hasenclever (1873 – 1953) und Hermann Hasenclever (1852 – 1939) durchgeführt, legen die Wurzeln in das Remscheider Lobachtal. In der Leichenrede für ihren Vorfahren Johannes Hasenclever (1678 – 1755), gehalten am 26. Juni 1755 in der Stadtkirche Remscheid, sprach der Pfarrer Johann Peter Mähler über die Vorfahren des Verstorbenen. Die gedruckte Version dieser Rede enthält folgenden Absatz: „Der Großvater, väterlicher Seite, war Peter Hasenclever / in der Lobach; Die Grosmutter Eva Honsberg. . Daß so wol diese, als auch die, in folgenden Anmerkungen benente alte Vorfaren, der hiesigen Gemeine und Kirche in öffentlichen Aemtern vorgestanden und über dem von undenklichen Jahren gesegnete Handlungen gefüret,“10

Peter Hasenclever ist vermutlich im Jahre 1610 im Lobachtal geboren. Ein altes Geschäftsbuch aus dem Jahr 1632 nennt noch zwei weitere Vorfahren. Den Vater von Peter Hasenclever, Lutter, gestorben 1629, und seinen Großvater Wilhelm Hasenclever, welcher zwischen 1525 und 1600 zu Siepen gelebt haben soll.

In diesem Abschnitt der Totenrede findet sich auch ein Hinweis auf die Betätigung der Familie Hasenclever als Handelstreibende. So liegen die Anfänge des Exporthauses Hasenclever möglicherweise schon im 16. Jahrhundert. Schriftliche Unterlagen existieren erst aus dem 17. Jahrhundert. Das älteste Geschäftsbuch, noch heute im Besitz einiger Nachfahren in Argentinien, beginnt mit dem 14. Mai 1632.

Das Unternehmen Johann Bernhard Hasenclever & Söhne, in dem Ernst Hasenclever 1832 seine Laufbahn als Kaufmann antrat, entstand erst rund 150 Jahre später. Johann Bernhard Friedrich Hasenclever (1731 – 1806), ein Sohn des 1755 zu Grabe getragenen Johannes, hatte sich zunächst mit seinen Brüdern Johann Peter und Franz Arnold geschäftlich verbunden. Sie führten die väterliche Handlung mit den Erzeugnissen der heimischen Kleineisenindustrie – raffinierter Stahl, Eisen und Sensen - fort. Nach der Trennung der Brüder gründete er gemeinsam mit seinen Söhnen Johann Bernhard Friedrich – 1830), David (1781 – 1850) und Josua (1783 – 1853) am 1. Mai 1786 das später weltbekannte Handelshaus.

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Als „Epochentabellen“ Familiengeschichte erzählten

I

Ernst Hasenclever entstammt der großen und bis heute bedeutenden Familie Hasenclever, der auch der bekannte Maler Johann Peter Hasenclever (1810 – 1853), Mitglied der Düsseldorfer Malschule, und der Tuchhändler Peter Hasenclever (1716 – 1793) angehörten. Der Onkel von Ernst, Josua Hasenclever (1783 – 1853), ist vor allem durch seine selbstverfassten Lebensbeschreibungen bekannt, die einen tiefen Einblick in die Entwicklung der Familien- und Geschäftsverhältnisse einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts geben. Über Ernst hingegen ist nach so langer Zeit kaum etwas bekannt.

Ernst Hasenclever, mit vollem Namen Georg Bernhard Ernst Hasenclever, erblickte im ereignisreichen Jahr 1814 das Licht der Welt. Nach Schule und Ausbildung in der Familie, war er Teil des vom Großvater 1786 gegründeten Handelsunternehmens Johann Bernhard Hasenclever & Söhne. In dieser Eigenschaft begab er sich 1837 auf eine Reise nach Südamerika. In Rio de Janeiro sollte er die Geschäftsbeziehungen der Firma fördern. Sein Cousin Gottfried Hasenclever betrieb dort seit 1830 eine Vertretung.

Neben seiner Arbeit für das Unternehmen verbrachte Ernst einen Teil seiner Zeit mit Reisen im Land, über die er ausführliche Tagebuchaufzeichnungen führte. In mehreren Skizzenbüchern fertigte er parallel zu seinen Berichten Zeichnungen der durchreisten Städte und Landschaften an. Ursprünglich diente dieses Gesamtwerk der Information der daheim gebliebenen Familie, wie er mehrfach am Beginn eines neuen Berichtes schrieb. Die einzelnen Hefte, die er im Laufe der Jahre füllte, schickte er in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen mit der Post in die Heimat, so dass auch Eltern und Geschwister an seinen Erlebnissen in Brasilien teilhaben konnten. Die verschiedenen Tagebuchaufzeichnungen aus dem achtjährigen Aufenthalt werfen immer nur kurze Schlaglichter auf die Entwicklung seiner Persönlichkeit. Sie dienten in erster Linie der Selbstdarstellung. Allerdings bieten sie interessante Einblicke in das Leben und Reisen auf dem südamerikanischen Kontinent in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Erscheint Ernst am Beginn seiner Reiseaufzeichnungen als ein aufgeregter und neugieriger junger Kerl, der ständig zu allerlei Späßen aufgelegt war, so wurde aus ihm im Laufe der Jahre ein Mann, der häufig Anflüge von Überheblichkeit und Großspurigkeit zeigte.  Schließlich traf er am Ende seines Aufenthaltes auf dem Rückweg über New York nach Deutschland noch seine künftige Ehefrau, die ihn innerhalb weniger Wochen für sich gewann. Mit der Tochter einer französisch-deutsch-amerikanischen Kaufmannsfamilie lebte er bis zu seinem Tod glücklich und zufrieden in Remscheid-Ehringhausen. (…)

Informationen zum Leben von Ernst Hasenclever findet man in der Hauptsache in den privaten Aufzeichnungen der Familie Hasenclever. Die ältesten sind die so genannten „Epochentabellen“. Dabei handelt es sich um tagebuchartige Lebensberichte, die von insgesamt fünf Familienmitgliedern in der Zeit von 1744 bis 1936 verfasst wurden. Zu Lebzeiten von Ernst Hasenclever waren es drei Frauen, die sich mit dieser Form der Familienchronik beschäftigten. Als Erste begann Johanna Schlosser, geb. Fahlmer (1744 – 1821), Großmutter von Ernst Hasenclever, bereits Mitte des 18. Jahrhunderts familiäre Ereignisse aufzuschreiben. Zunächst in großen Abständen und für die Jahre ihrer eigenen Jugend vermutlich auch im Rückblick geschrieben, tauchen neben Geschehnissen aus dem Familienleben auch wichtige historische Ereignisse auf. Das katastrophale Erdbeben von Lissabon 1755 fand ebenso Erwähnung, wie der Ausbruch des Siebenjährigen Krieges zwei Jahre später. Auch ein Erdbeben in Düsseldorf im Jahr 1756 blieb ihr so im Gedächtnis, dass sie es in ihren Büchlein festhielt.

Mit zunehmendem Alter wurden ihre Berichte umfangreicher und beschränkten sich im Wesentlichen auf familiäre Ereignisse. Geburten, Hochzeiten und Todesfälle im Familien- und Bekanntenkreis sowie unternommene Reisen geben einen Einblick in das Leben einer bürgerlichen Familie in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Auch die Wirren des Ersten Koalitionskrieges zwischen 1792 und 1797 fanden ihren Niederschlag in den Epochentabellen. Mehrfach floh die Familie Schlosser aus Karlsruhe und Ansbach vor Kampfhandlungen im südwestdeutschen Raum. Erst durch die Heirat ihrer Tochter Cornelia Henriette Schlosser (1781-1850) mit David Hasenclever (1778 – 1857) im Jahr 1809 wurden diese Erinnerungen zu einem Dokument der Hasencleverschen Familiengeschichte. So erwähnte Johanna Schlosser auch den ersten Kontakt zwischen den zukünftigen Eltern von Ernst Hasenclever. Unter dem 23. Februar 1809 schrieb sie: „Erscheinung bey uns von David Hasenclever, und bey 3 Wochen seines Bleibens in Frankf. das Entstehen unserer Verbindung mit ihm.“1 und am 9. April: „Die Wiederkehr von David Hasenclever mit seinem Bruder Josua (Bild rechts) zu der Persönlichen Verlobung mit meiner geliebten Henriette.“ 2

Die Hochzeit fand am 27. Juni 1809 in Frankfurt statt. Ob die Verbindung zwischen David Hasenclever und Henriette Schlosser tatsächlich innerhalb so kurzer Zeit zustande kam, lässt sich nicht mehr nachvollziehen. Henriette Schlosser war mit 27 Jahren für eine erste Heirat schon recht alt, so dass der Wunsch nach einer schnellen Verbindung möglich scheint. Auch der sehr geringe Altersunterschied weicht von den Gepflogenheiten der damaligen Zeiten ab. Frauen waren in der Regel wesentlich jünger als ihre Ehemänner. Auch dies spräche für die Notwendigkeit einer schnellen Verbindung. Vielleicht kannten sich beide aber auch schon längere Zeit. Im Sommer 1808 vermerkte Johanna Schlosser einen Besuch mit ihrer Tochter Henriette in Pempelfort, Düsseldorf und Ehringhausen, bei dem ein erstes Kennenlernen stattgefunden haben könnte.

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